Geisterbahn

Montag, 30. März 2009 – Fünfuhrfünfzig, zweikommasieben.  Sommerzeit, dunkel.

Auf dem Titelblatt der Süddeutschen Zeitung vom Wochenende ein Bericht über einen Bettler in Göttingen. Weil der arbeitslose Mann mit seinen Bezügen nach Hartz IV nicht auskam, setzte er sich in die Innenstadt und ließ sich von den Passanten etwas Kleingeld in eine Blechdose werfen. Ein Mitarbeiter des Sozialamtes, der den Mann kannte, beobachtete dies und  schrieb ihm einen offiziellen Brief: “In den letzten Tagen habe ich Sie mehrfach gesehen, wie Sie vor dem Rewe-Supermarkt (…) gebettelt haben. Zuletzt lagen am 3.1.2009 in der Mittagszeit circa sechs Euro und heute gegen 13 Uhr etwa 1,40 Euro in einer Blechdose. (…) Ich beabsichtige daher, (…) einen Betrag von 120 Euro als Einkommen durch Betteln anzurechnen”. Die nicht mehr so genannte Sozialhilfe des Bettlers solle nunmehr auf 231 Euro monatlich gekürzt werden.
Rechts neben diesem Artikel die Meldung, dass die neun Vorstandsmitglieder der Dresdner Bank trotz hoher Verluste ihres Instituts im Jahr 2008 insgesamt 58 Millionen Euro bezogen hätten.
Und links daneben der Hinweis auf einen Artikel im Inneren der Zeitung: “In Freising bei München hat eine Luxus-Hotelkette eröffnet – für Hunde.”

Samstag nasse, kleine Runde mit dem Olmo, dann auf die Autobahn.  Zwei Stunden bei G. und P. in Köln-Mülheim. Stolz zeigen sie die Fotos ihrer neuen Bleibe in einem Dörfchen am Mont Ventoux. Dann auf die andere Rheinseite, eine Irrfahrt durch die Unterwelt des MediaParks, bis wir endlich die Stellplätze des Hotels gefunden haben. Dann wunderschönes, unglaublich fröhliches Fest zu Peters 50. Geburtstag in der Spichernstraße 8, wo alle lächeln und lachen und tanzen. Dann Uhren umstellen, dann ins Hotel, dann schlafen, dann frühstücken im Stadtgarten, dann heimfahren, dann noch Mal eine Runde auf dem Olmo.

Dann kommt Atilla zur Probe und erzählt, dass man ihm sein Basso aus dem Keller gestohlen hat. Weiß Gott, das schönste Rad der Welt …

Nette Mail von Professor Lücker. Und eine von Herrn G., der anfragt, ob ich nicht gemeinsam mit Marcel Wüst und Olaf Ludwig im Juni an einem Trainingscamp in Winterberg teilnehmen möchte.

Tot ist Rudolf Walter Leonhardt, über den ich vielleicht nächstes Jahr am 30. März etwas mehr erzählen werde.

Freitag, 27. März 2009 – Elfuhrelf, zwölfkommafünf. Es will doch nicht etwa die Sonne …

Gestern wahrlich wonniger Abend mit Demski und Herl im Smokotop vom Gasthaus “Zur Stalburg”. Wir reden, tatsächlich, über Politik. Mein Gott, wie lang ist das her? Aber ich darf nicht darüber schreiben. Nicht über das Rosenbeet und die Betonplatte, nicht über das Ölpapier und den qualmenden Kamin, nicht über die Rinaldo Rinaldinis und schon gar nicht über Rotwein in Wassergläsern.

Eva erzählt, dass sie ein Buch geschrieben habe über die Sachen damals … Aber klar, sagt C. heute Morgen, das haben wir doch. Geht zum Regal und zieht es hervor …

Tot sind Gagarin, Ian Dury, Billy Wilder. Und Matthias Beltz.

Dienstag, 24. März 2009 – Neunuhrvierundvierzig, sechskommazwei. Wolkigwindig.

Im Netz finde ich das vollständige Gespräch, das Nike Breyer mit dem Grafikdesigner Holm von Czettritz geführt hat, der unter anderem für Johnnie Walker, Philips und Kühne-Essig gearbeitet hat. Czettritz erzählt die fast unglaubliche Geschichte, dass eines Tages Andreas Baader zu ihm gekommen sei, um sich das Logo der RAF überarbeiten zu lassen: “Weil ich dazu aber keine Lust hatte und ich das irgendwie so naiv fand, habe ich ihm damals gesagt: ‘In seiner Rustikalität hat das eine Originalität, die würde ich nicht verändern. Das muss diesen rauen Ursprungscharakter behalten. Das sag ich dir als Markenartikler.’ … Das war ja wie ein Kartoffeldruck. Aber das wollten sie irgendwie gefälliger.”

In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung ein Lamento von Maxim Biller, das leider keine Philippika geworden ist. Wie so oft bei ihm: alles richtig, alles falsch, zu viel Text. Letztendlich neutralisieren sich seine Rundumschläge jedes Mal selbst. Sie berauben sich der medialen Wirkung, weil sie auf diese allzu deutlich aus sind. Immerhin: Billers Renitenz ist eine schützenswerte Eigenschaft im gesamtdeutschen Duckmäuserland.

Wenn man gemeinsam an einer Sache arbeitet, hört man zwar die selben Töne, benutzt die selben Worte – aber die Räume die dadurch geöffnet, die Bilder die dadurch evoziert werden, sind je eigene. Eigentlich erstaunlich, dass es immer wieder gelingt, dabei etwas Gültiges entstehen zu lassen.

Durchs geöffnete Fenster die leise, eindringliche Stimme einer Frau. Ich verstehe nichts; aber es ist derselbe Ton, in dem meine Mutter mit uns Kindern gebetet hat.

Am 24. März 1999 starb hochbetagt und unbelehrt in Tübingen-Bebenhausen die ehemalige Reichsfrauenführerin Gertrud Scholtz-Klink.

Sonntag, 22. März 2009 – Elfuhrzwölf, fünfkommaneun. Grau.

Gestern ein wenig durch die Stadt, Eschersheimer Landstr. 106 und 107, dann Hauptfriedhof, an den Gräbern von Gutzkow und Adorno.  Nach Hause, Pinarello in den Keller gebracht, stattdessen um 14 Uhr mit dem Olmo in der Sonnenkälte zum Depot, runter nach Wehrheim, Pfaffenwiesbach, Kransberg, Ziegenberg, Obermörlen, Bad Nauheim, Friedberg, Umweg über Rosbach … Die dauernden Tempowechsel zermürben, es kommt keine Harmonie in unser Grüppchen.  Nach 80 Kilometern Krämpfe, Kopfschmerzen, Verärgerung …

Abends Haydn im Fernsehen, Corinne Chapelle mit dem 1.Violinkonzert, sehr schön … Überraschend die vielen mozartischen Haydn-Opern.

Von Suhrkamp-Verlegerin Ulla Berkéwicz ein Text im Spiegel. Liest sich wie manche von den Kassibern, die sich die Gefangenen der RAF in ihren Zellen haben zukommen lassen. Man versteht nicht recht, was die Autorin sagen will, spürt aber den bitter-heiligen Ernst, der sie umtreibt. Viel  ist von “Kampf” und “Krieg” und “Front” und “Schlacht” die Rede, auch von “Sumpf” und “Morast”.
Es ist die Sprache der autistischen Großstadtguerilla: “In den digitalen Werkstätten der Metropolen von New York bis Moskau entstehen Arbeitsweisen und in deren Gefolge Kämpfe über die Art, wie die Dramaturgie und das Theater, das Lektorat und das Buch, die Orchesterprobe und die Aufführung der Zukunft beschaffen sein werden.”
Hä? Und wie hätte man so etwas in Frankfurt genannt? “Jargon der Uneigentlichkeit”?
Sollte das die Qualität der Texte sein, die wir künftig aus dem Hause Suhrkamp zu erwarten haben, wird die Verlegerin noch ein paar mehr Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter loswerden müssen, als nur jene, die sie jetzt durch den Umzug des Verlages von Frankfurt nach Berlin zu verlieren hofft.

Harry Fisher, amerikanischer Bürgerrechtler, Gewerkschafter und Interbrigadist ist tot. Goethe auch.

Mittwoch, 18. März 2009 – Neunuhracht, siebenkommaneun. Sonnigbewölkt.

Die Süddeutsche Zeitung veröffentlich heute im Feuilleton ein großformatiges Foto, darauf zu sehen vor dem nächtlichen Times Square mit seinen bunten Flickerreklamen: Karl-Theodor zu Guttenberg. Leicht von unten aufgenommen, die weißen Zähne gebleckt, brutal-jovial lächelnd, die Haare zurückgegelt, die Arme in imperialer Geste ausgestreckt, weißes Hemd, graues, fein gestreiftes Sakko, breiter, gelber Binder, Streberbrille. Eine Type, die an jenen Horsti Schmandhoff erinnert, über den es in Degenhardts Lied heißt: “Im passenden Kostüm der Zeit, stets aus dem Ei gepellt / hat er mit knappen Gesten eure Träume dargestellt”. Und man ahnt schon, dass es genau diese Selbstinszenierungen als schneidiger Schlawiner sind, die sich irgendwann gegen den jetzigen Wirtschaftsminister wenden werden.

Wie einer dieser verdrückt-abgefeimten Ganoven aus einem Roman von Oliver Dickens sah hingegen Innenminister Schäuble gestern aus, als er auf einer Pressekonferenz bekannt geben musste, dass jeder siebte Jugendliche in Deutschland “sehr ausländerfeindlich” sei und knapp fünf Prozent der befragten Jungen einer rechten Gruppe oder Kameradschaft angehörten. Man sah dem Minister an, dass er wusste, dass diese Entwicklung auch auf seinem politischen Mist gewachsen ist und dass er das um jeden Preis verhehlen wollte. Fürwahr, ein Galgenstrick.

Gestern mit Rainer wieder an der “Zwickmühle”. Tief befriedigend, wie am Ende alles ineinander greift. Wie sich das, was wir am Anfang der Geschichte angelegt haben, plötzlich fügt. Was sie dann draus machen – ungewiss und fast schon egal. Die gelungene Arbeit ist der halbe Lohn.

Es gibt Menschen, die schwitzen aus jeder Pore Dummheit. Im Fernsehen werden sie gerne genommen.

Die spanische Ausgabe von “Ein allzu schönes Mädchen” ist gekommen: Una chica demasiado bonita. Habe selten ein hässlicheres Cover gesehen.

Lektüre – Willi Winkler: Die Geschichte der RAF. Um Längen besser als der Aust.

Tot ist Ferdinand Freiligrath.

Montag, 16. März 2009 – Fünfuhreinundfünfzig, sechskommaacht. Unruhige Nacht. Mond hinter Wolken.

Samstag in der Rhön, St. Peter, die Grabeskirche der heiligen Lioba in Petersberg angeschaut. Auf dem Plateau vor dem Eingang ein großes Schild, dass das Sonnenbaden und das Trinken von Alkohol nicht erwünscht seien. Das Fotografieren ist es auch nicht, aber darauf macht mich erst die freundlich-runde Nonne aufmerksam, die ein paar Besucher vor die unsichtbaren Fresken führt und ihnen erzählt, was sie sehen würden, wenn sie etwas sehen würden.

Gestern Saisoneröffnung in Niederdorfelden – gemeinsame Ausfahrt der “Lokomotive Rotes Ritzel” und des “Sonntagsgrupetto”. Meine Güte, sind wir viele! Nidderau, Florstadt, Gais Nidda, Bad Salzhausen, Unter Lais, Calbach, Rommelhausen, Bruchköbel … Tote Frösche auf den Straßen, die Farben noch immer gedeckt, der Himmel grau und schwer. Aber hält sich. Hundertzehn Kilometer. Und die Rippe gibt Ruh! Später, im Liegen, arbeitet die Beinmuskulatur noch lange.

Durch mit den Erinnerungen von Alfred Klaus. Wie der sich spreizt. Nicht gerade ein großer Geist. Manchmal hat das Ganze etwas schleichend Denunziatorisches. Sympathisch allerdings, mit welcher Renitenz er bis kurz vor seinem Tod seine Frontstellung gegen Helmut Schmidt und Horst Herold im Herbst 1977 verteidigt. Klaus hatte für einen Austausch der Gefangenen plädiert und warf dem damaligen Bundeskanzler vor, er habe sich in seinen Entscheidungen von einer dummen soldatischen Sturheit leiten  lassen, die sowohl Hanns Martin Schleyer als auch die RAF-Leute das Leben gekostet und jenes der “Landshut”-Passagiere fahrlässig aufs Spiel gesetzt habe.

Abends die DVD mit dem Gepräch, das Günter Gaus 1967 mit Rudi Dutschke geführt hat. Dutschke: sehr evangelisch, freundlicher Fanatismus, klüger als ich dachte, aber fürchterlich abstrakt, schlechter Geschmack (dieser Pullover, unterirdisch).

Tot ist Creszentia Mühsam. Nachlesen!

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Die CD ist endlich erschienen, sieht entzückend aus, klingt auch so und kann ab sofort im Bauchladen des Stalburg-Theaters bestellt werden. Die Texte kann man hier nachlesen.

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Freitag, 13. März 2009 – Neunuhrachtzehn, elf Grad. Geht doch.

Seltsam leutselig, auch ungemein eitel und bräsig die Erinnerungen des BKA-Mannes Alfred Klaus an seine Zeit als Sonderermittler der “SoKo Baader-Meinhof”. Und gänzlich unerträglich die privaten Geschichten über seine scheiternde Ehe, seine unglückliche Liebe zu einer linksliberalen Ärztin … Mal weiter sehen …

Der Ton der RAF-Leute, wie er einem aus manchen der so genannten Infos (Briefe, die sich die Gefangenen untereinander schickten) und ihren Verlautbarungen entgegen schlägt, ist auf eine Weise unbescheiden, grobschlächtig, ungehobelt, dumpf und brachial, dass man ihn nicht anders nennen kann als: nazi.

Im Archiv des “Tagesspiegel” ein interessantes Interview mit Theodor Prinzing aus dem Jahr 2007. Prinzing war bis zu seiner Abberufung der Vorsitzende Richter des Stammheimer Prozesses gegen Baader, Ensslin, Meinhof und Raspe.
Prinzing über Andreas Baader: “Er war ein außerordentlich führungsstarker Mann. Er war natürlich auch ein Faulpelz und Desperado, aber er hatte in seiner Rigorosität auch etwas Sympathisches. Ich hatte auch immer das Gefühl, Baader stelle sich mir gegenüber nur pflichtgemäß so grob an, im Grunde genommen respektiere er mich. Ich hätte wohl außerdienstlich mit ihm auskommen können. Wenn er vor dem Krieg geboren worden wäre, dann wäre er ein ganz brauchbarer Soldat geworden.”
Prinzing, auf die Frage, ob er ein mulmiges Gefühl gehabt habe, als der einstige RAF-Verteidiger Otto Schily später Innenminister wurde: “Keineswegs. Es wurde ja rasch klar, dass keiner von der CDU es hätte besser machen können.”

“Irgendwann ist aber auch mal wieder Schluss mit der RAFferei, ja!” – Versprochen, aber kann noch eine Weile dauern.

Tot ist die Frankfurter Sozialdemokratin Johanna Tesch, gestorben im KZ Ravensbrück, wohl an den Folgen ihrer Unterernährung.

Montag, 9. März 2009 – Siebenuhrachtundzwanzig, dreikommavier Grad. Wolkig, windig.

Gestern Abend Rififi. Eigentlich nicht mehr wirklich interessant. Dadurch, dass man diesen Film hundert Mal kopiert hat, wurde das Original ungenießbar gemacht.

Seit vier Uhr wach und weiter in Austs Schmonzette. Jetzt sehe ich gerade, dass es auch von dem BKA-Mann, der damals den Kontakt zu den Angehörigen der untergetauchten RAF-Leute gesucht hat, ein Buch gibt:  Alfred Klaus “Sie nannten mich Familienbulle”. Aber muss ich das jetzt wirklich auch noch …? Doch, muss ich wohl!

“Ich frage mich sowieso, wie du ausgerechnet jetzt auf diese ganzen alten RAF-Geschichten kommst.”
Tja, ich mich auch.

“Sieht ja aus wie Knastprosa hier, wenn man sich deine neue Website auf dem InternetExplorer anschaut.” Gott, ja – fürchterlich. Aber, fragt man sich, wieso gibt es überhaupt noch Menschen, die den InternetExplorer benutzen?

Edelfeder – auch so ein Wort, das nur noch zum Lachen reizt. Und wenn es dann noch über James Joyce heißt, er sei eine “musikalische Edelfeder” …

Tot ist Leopold von Sacher-Masoch. Gestorben hier drüben … in Lindheim. Sacher-Masoch wurde gleich zweimal verbrannt. Einmal, als man seinen Leichnam eingeäschert hat. Das zweite Mal, als seine Urne bei einem Brand auf Schloss Lindheim zerstört wurde.

Mittwoch, 4. März 2009 – Siebenuhreinundvierzig, zweikommasieben. Hell, alles mit Reif überzogen. Wird schön, oder?

Gestern dann in “Kulturzeit” doch noch eine kritische Auseinandersetzung mit dem Buch von Tilman Jens über seinen dementen Vater. Ernst Grandits interviewt zu diesem Thema die wunderbare, fast zweiundneunzigjährige Margarete Mitscherlich, die allerdings über Was-auch-immer hätte sprechen können – ihrem Charme und  ihrer Weisheit wäre man sowieso erlegen.

Keine zweitausend Meter von hier sitzt Birgit Hogefeld in der Justizvollzugsanstalt Preungesheim. Habe in den letzten zwei Tagen die 320 Seiten der Berichte über den Prozess gegen sie aus den Jahren 1994-1996 gelesen – samt ihrer Erklärungen vor Gericht. Wenn mir noch vor kurzem jemand erzählt hätte, auf welche Weise dieses Verfahren von Seiten des Senats und der Bundesanwaltschaft geführt wurde, ich hätte ihn für einen Spinner mit Neigung zu Verschwörungstheorien gehalten. Wie ignorant, diese Geschichten über all die Jahre nicht zur Kenntnis nehmen zu wollen, stattdessen jede Beschäftigung damit verärgert von mir zu weisen. Jetzt werde ich nicht umhin kommen, jedesmal an Hogefeld zu denken, wenn ich mit dem Rad am Gefängnis vorbei fahre. Und ihr damit einen stummen Gruß zu entsenden.

Am 4. März 1944 wurde Louis “Lepke” Buchalter auf dem elektrischen Stuhl in Sing Sing hingerichtet.

Sonntag, 1. März 2009 – Siebenuhrsiebzehn, fünfkommasieben. Fast schon hell.

Stosse im TAZ-Archiv auf den Namen Wolf von Wolzogen. Er habe, schreibt er, Kuper immer wieder in “Riewes Teestube” in der Unterlindau getroffen und im Bahnhofsviertel, wo er, von Wolzogen, 39 Jahre lang in einer Wohngemeinschaft in der Kaiserstraße gewohnt habe. Auch von Henrys Pinte ist die Rede. Aber wer ist dieser Mann? Ich muss ihn doch kennen lernen … Hier, ja … er ist verantwortlich für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im Historischen Museum.

Gerate irgendwie an Astrid Prolls Erzählungen über die Ärztin Dorothea Ridder, dann an Goettles Gespräch mit ihr und immer weiter in diese alten RAF-Geschichten. Ein Interview mit Margrit Schiller, eins mit Monika Berberich, zwei mit Irmgard Möller … Später dann Carolin Emckes Buch “Stumme Gewalt” über den Mord an ihrem Patenonkel Alfred Herrhausen. Ziemlich gut. Und das deutliche Gefühl, wenn dieser Dialog zwischen ihr und den RAF-Leuten nicht zustande kommt, wird die Geschichte stehen bleiben. Das muss gelöst werden …

Mittags mit dem Pinarello nach Sachsenhausen. Habe für einen Euro eine Video-2000-Kassette von “Der Kommissar und sein Lockvogel” ersteigert, die nun digitalisiert werden muss. Dann hoch zum Südfriedhof und ein Schlenker über den Lerchesberg. Ein Drittel der Häuser sind zu Festungen ausgebaut. Unglaublich abweisend. Runter in die Stresemannallee und vorbei an der ehemaligen Wohnung des Mörders Magnus Gäfgen: Teplitz-Schönauer-Str. 42. Dann eine Runde durch die Heimatsiedlung, wo C. den größten Teil ihrer Kindheit verbracht hat – wirklich schön, diese fast vergessene Ernst-May-Siedlung. Unter der Eisenbahnbrücke durch und gleich rechts in die Richard-Strauß-Allee. Wieder sehe ich von Ferne die große Villa Mumm, die merkwürdigerweise kaum mehr jemand in Frankfurt kennt. Sie war das Wohnhaus von diesem “Champagner-Baron”, dann von 1933-1945 Hauptquartier der Frankfurter Gestapo (samt Bunker und Arrestzellen), ‘45 von den Amerikanern beschlagnahmt, dann 1949, als Frankfurt Bundeshauptstadt werden wollte, sollte sie der Sitz des Bundespräsidenten sein, dann zog die Organisation Gehlen ein …

Einmal quer durch die Stadt, vorbei am neuen Polizeipräsidium, am Hessischen Rundfunk. In den Kühhornshofweg, wo Helga Matura eine Zeit lang in der Hausnummer 12 gewohnt hat. Und ein paar Meter weiter, im Garagenhof des Hauses Hofeckstr. 2-4, sind am 1. Juni 1972 Andreas Baader, Jan-Carl Raspe und Holger Meins nach einem Schusswechsel mit der Polizei festgenommen worden. Damals war ich auf Sylt, im Landschulheim, kaufte mir in dem kleinen Lädchen einen Schokokaramelriegel und sah die grauenhaften Fotos der Festnahme auf der Titelseite von “Bild”.

Tot ist Gabriele d’Annunzio.