Geisterbahn

Jan Seghers

und das

Heine Quartett

Was aber ist die Liebe?

Mit Texten von Villon, Flaubert, Heine …
Mit Musik von Monteverdi, Bach, Haydn, Mozart …

18. Dezember 2010, Romanfabrik
Frankfurt, Hanauer Landstr. 186
Karten unter: 069 / 49084829 oder info@romanfabrik.de

PS: Die Aufführung am 19. November in der Buchhandlung Schutt ist ausverkauft.

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Dienstag, 30. November 2010 – Zwölfuhrfünf, minus einskommazwei. Weiß.

“Der kommende Aufstand” – Ich wäre gerne schnell mit diesem Buch fertig gewesen: Es mir zustimmend einverleibend oder es von mir weisend. Aber das gelingt nicht. Manchmal ist es so trübe wie ein religiöses Traktat, dann wieder ruft es durch seine schnellen, überraschenden Wendungen eine hübsche Schwingung hervor. Nebel und Klarsicht wechseln einander ab. Auf einigen Seiten hat es einen guten, entspannten Sound, dann wieder knallt es wie die schneidigen Kassiber der RAF. Es regt auf und es regt an. Dafür, dass es ein konservatives Pamphlet sei, sehe ich keine Belege. Trotzdem ist der Vorwurf hilfreich. Ein paar Fragen hätte man gerne beantwortet: Wie haltet ihr es mit den Juden? Sind wir uns einig gegen Rechts? Was meint ihr, wenn ihr Krieg sagt?
Dennoch: Einen Teil seiner Kraft bezieht das Manifest gerade daraus, das es nicht ganz eindeutig ist. Beweglichkeit ist eine Tugend der Partisanen. Überraschung ebenfalls.
Auch muss man ja den Verfassern nicht auf allen Wegen folgen. Die schüchterne Sängerin aus dem Kirchenchor wird andere Schlüsse daraus ziehen als der einsame Kommunist, die sabotagebereite IT-Managerin andere als der junge Nazi-Gegner in seiner Zimmermannskluft, der israelische Soldat andere als die bayerische Bäuerin.
Das Buch hat ein wenig Schwung in die Köpfe gebracht. Die unsichtbaren Autoren haben uns einen Brocken hingeworfen. Das ist ja schon mal was.
Jetzt kommt es darauf an, diesen Schwung zu nutzen. Den Brocken nicht zu schnell klein zu kauen.

Harry Graf Kessler ist tot.

Montag, 29. November 2010 – Zehnuhrfünfundfünfzig, minus nullkomma- sieben. Schneit. Gestern Abend vor “Kommissarin Lund” eingeschlafen – schon wieder.

Das hier so hinzuschreiben, jeden Tag, fast jeden Tag – Datum, Uhrzeit, Außentemperatur, am Ende die Toten – ist auch ein Zupacken, ein Klammern. Dass einem nicht alles zerrinnt …
Zerrinnt freilich trotzdem.

Während der Lesungen und danach beim Publikumsgespräch: Merken die eigentlich nicht, was ihnen für ein Bündel gegenüber sitzt? Nein, natürlich nicht. Ich tue ja auch alles dafür, dass man es nicht merkt.

Gestern im “Museum Kronberger Malerkolonie”. Vor und nach der Lesung stürze ich mich auf die Bilder. Nelson Kinsley. Nichts reden, nichts hören, nur schauen. Wie gut dieses Augenfutter den Nerven tut. Ein paar großartige Kleinigkeiten: Landschaften, die kaum noch als solche zu erkennen sind, knapp vor der Abstraktion. Fast immer ist das die Stufe der Malerei, die mir am meisten zusagt: Wenn das Gegenständliche sich auflöst, aber noch nicht vollends in der Beliebigkeit von Form und Farbe aufgegangen ist.

Die Reimann war ein Jesus. In achtzehn Jahren hat sie vier Mal geheiratet. Die beiden Bände ihrer Tagebücher sind wohl der wahrhaftigste, der schönste und erschütterndste Roman, den die DDR hervorgebracht hat.  Sie kommen aufs Regal zu den anderen Olympiern.
Gedanke: Eine deutsche Linke – sollte es sie denn je wieder geben – die daraus nicht ihre Lehren ziehen würde, wäre aufs Neue zum Untergang verurteilt.

Allein dieser Eintrag am 20. Juli 1970, als sie bereits sieben Jahre an ihrer “Franziska Linkerhand” schrieb: “Am Geburtstag lange Diskussion mit Lewerenz. Er kennt mich ganz gut, er sagte, das Buch sei keine Aufgabe mehr für mich, sondern bloß noch ein moralischer Halt, und ich schriebe ohne Gedanken an Veröffentlichung, eher Tagebuch als Roman. Hat mich schrecklich deprimiert, weil es im wesentlichen stimmt.”

Am selben Tag solche Formulierungen:  “… diese Überheblichkeit der Sanften … die mörderische Geduld”.

Und: “Wenn er gelegentlich mal in meinem Arbeitszimmer schläft, ist das ganz hübsch, aber es darf nicht zur Gewohnheit werden, denn ich muß morgens allein sein, wenn ich mich mit dem neuen Tag anfreunde oder verfeinde, und ich will kein Männergesicht zwischen mir und dem blauen oder grauen Himmel sehen.”

Am Anfang gingen mir ihre Aufzeichnungen fürchterlich auf die Nerven, diese ewigen Männergeschichten, diese jungmädchenhaften Flatterhaftigkeiten. War kurz davor, die Lektüre abzubrechen. Zum Glück, zu meinem Glück, habe ich durchgehalten. Am Ende: “… jedenfalls hasse ich Männer und Männerfleisch und Männergeruch.” Aber auch dieser Hass hat nicht lange gehalten. Das Tagebuch endet am 14. Dezember 1970, meinem zwölften Geburtstag: “schlaftrunken vor Glück und Geborgenheit.” Gut zwei Jahre später war sie tot. Was dazwischen lag, will ich nicht wissen. Ich fürchte, ich würde es nicht aushalten.

Wäre ein lustiger Titel: “Kafka lacht”.

George Harrison ist tot. Aber interessiert mich das eigentlich?

Samstag, 27. November 2010 – Achtuhrfünf, minus nullkommaacht. Alles weiß. Aufgewacht um fünf – nach knapp fünf Stunden Schlaf. Weiter in der Reimann.

Magenkrämpfe. Die Nerven in den Mundwinkeln und den Armbeugen zucken. Alles nur Erschöpfung. Muss aber heute schon am Mittag wieder ran … Na und, was beschwerst du dich? … Selbst Schuld.

Immerhin ist mir gestern am Nachmittag nach langer Zeit mal wieder eine kleine Federzeichnung halbwegs gelungen: ein böser, zerzauster Engel.

Gegen Abend fahren Judy und Robert vor. Ich quetsche mich auf die Rückbank, bin froh, einmal nicht selbst fahren zu müssen, zumal bei Schnee und Dunkelheit. Robert wirkt nicht eben begeistert, dass er noch eine Abendschicht absolvieren muss, beklagt sich aber nicht, sondern bleibt charmant wie immer. Im Schneetreiben die steile Saalburgchaussee hinauf.
J. sagt, sie habe nur freundliche Stimmen zu unserem Liebesprogramm gehört. Und auf meine Erwiderung, dass es an einigen Stellen aber noch ziemlich gehakt habe: “Das gehört dazu. Das ist normal bei Hausmusik”. – Hausmusik, ah ja.
Wir kommen auf dem leeren Parkplatz des riesigen Freilichtmuseums an. Telefonisch erhalten wir die Anweisung, dass wir weiterfahren sollen bis zum Tor 3. Sieht gespenstisch aus, so ein dunkles, von Autoscheinwerfern angestrahltes elektrisches Rolltor. Dann: die Scheibe der Beifahrertür lässt sich nicht mehr schließen. J. stößt sich am Kopf, zeigt das Blut an den Fingerspitzen und erzählt, dass die Polizei vor Jahren während einer Demonstration so auf sie eingeknüppelt habe, dass sie sieben Platzwunden auf ihrem Kopf habe nähen lassen müssen. Das alles draußen, in der Dunkelheit, in der Kälte, im Schnee.
Als sie den Kollegen M. erwähnt, werde ich aus dem Stand ausfällig und nenne ihn eine Schranze, was ich sofort bereue, weil es ja auch ungehörig gegenüber J. ist, so über einen ihrer Bekannten zu sprechen. Trotzdem ist es genau das, was ich von M. halte.
Mehr als eine Stunde mit Jens Scheller, dem Leiter des Hessenparks, in seinem Büro – über die Geschichte des Museums, über den Flughafenausbau, über Staatssekretäre als Spesenritter (”300 Euro für eine Flasche Rotwein zum Mittagessen. Und das so oft als möglich”), über das Museum als Schauplatz für den nächsten Marthaler … Alles interessant, aber ich bin matt, unkonzentriert, müsste mich eigentlich innerlich sammeln … Dann Lesung, Gespräch, signieren … Na, wie jeden Abend halt.

Harvey Milk ist tot.

Freitag, 26. November 2010 – Zehnuhrvierzig, zweikommaacht. Es schneit.

Manchmal, wenn ich mal wieder zugeben muss, kein Mobiltelefon zu besitzen, merke ich am langen Schweigen meines Gegenübers, dass dieser sich fragt, ob ich womöglich noch deutlich größere Defekte habe.

Gespräch einer öffentlichen Bibliotheksleiterin (B) mit dem Autor (A)
B: Schön, dass Sie da sind.
A: Gerne! Danke für die Einladung.
B: Wir machen nur noch Krimi-Lesungen.
A: Wie bitte?
B: Wir laden nur noch Krimi-Autoren ein, da wissen wir wenigstens, dass der Laden voll wird.
A: Das finde ich aber nicht richtig.
B: Waaas? Wieso denn das nicht? Sie sind doch selbst …
A: Sie haben schließlich einen Auftrag.
B: ???
A: Sie müssen doch eher die avancierte Literatur fördern und nicht das bedienen, was die Leute sowieso gerne lesen.
B: Bei Literatur kommt aber keiner.
A: Dann müssen Sie sich bemühen. Man muss nicht mit öffentlichen Geldern unterstützen, was sich von selbst verkauft.
B: Aber wir unterstützen Sie doch gar nicht, wir verdienen ja noch dran. Außerdem werden auch wir an Zahlen gemessen: Besucherzahlen, Ausleihzahlen …
A: Dann machen Sie wenigstens eine Mischkalkulation: ein Krimiautor, dann wieder zwei Lyriker. Sie müssen sich für Ihre Leidenschaften engagieren, nur so stecken Sie die Leser an!
B: Aber bei Lyrik kommt keiner. Wir können die Leute doch nicht zwingen. Im Übrigen lese ich selbst am liebsten Krimis.
Ach so. Na dann.

Ulla schickt das kleine faust-Video von Harald Ortlieb, das “filmisch” wirklich gelungen ist. Aber ich: zu fett, zu lachbereit, zu blöde ironisch. Ach was, zur Hölle! Man soll gar nicht erst anfangen, sein Außenbild zu kontrollieren. Besser: einfach weitermachen. Es relativiert sich schon, es korrigiert sich schon. Sich nicht so wichtig nehmen! Weitermachen!

Brigitte Reimann am 2. Mai 1966: “Diese feigen Idioten … Ein widerliches Land.”

Am 26. November 2004 sprengte sich der zweiundzwanzigjährige Attentäter Johann Lang mit einer selbstgebastelten Bombe auf einer Wiese im niederbayerischen Auretzdorf in die Luft.

Donnerstag, 25. November 2010 – Zehnuhrsiebenundfünfzig, fünfkomma- null. Soll bald schneien.

Geht jetzt seit März so: lesen, lesen, lesen – Sonntag in Nordhessen, gestern Groß-Umstadt, heute Friedrichsdorf, morgen Neu-Anspach, dann Karben, Kronberg, Hünfeld …

Das Außergewöhnliche dieses Doppelmordes besteht in den Umständen: Den bisherigen Ermittlungen zufolge hat der 26-jährige Jan O. aus Uslar am Montag vergangener Woche die 14-jährige Nina in ein Wäldchen hinter dem Friedhof von Bodenfelde gelockt und sie dort getötet, indem er sie würgte und auf sie einstach – Einfach so; die beiden kannten einander nicht. Am Samstag der selben Woche hat er gegen 19.15 Uhr auf einem Parkplatz am Bodenfelder Bahnhof eine Jugendliche angesprochen und dieser seine Handynummer gegeben. Keine drei Stunden später lockte er den 13-jährigen Tobias in dasselbe Wäldchen und tötete ihn auf die gleiche Weise wie fünf Tage zuvor das Mädchen, dessen Leiche zu diesem Zeitpunkt nur ein paar Meter entfernt auf dem Boden lag. Auch die zweite Tat geschah: einfach so. Tobias stand ebenfalls in keinerlei Beziehung zu seinem Mörder. Beide Opfer sind teilweise entkleidet gewesen, aber nicht sexuell missbraucht worden.

Heute nun meldet die Hannoversche Allgemeine Zeitung, Jan O. habe am 17. November folgenden Eintrag auf Facebook veröffentlicht: “Gestern Mädchen geschlachtet. Jeden Tag eins bis mich erwischen.”
Unter den Ermittlern kursiert die Theorie, dass der Täter möglicherweise Tobias aufgrund seiner Langhaarfrisur für ein Mädchen gehalten haben könne.

Stern.de über die Vorlieben der Fernsehzuschauer: “Die Deutschen mögen’s blutig.”

Werbeslogan eines deutschen Energieanbieters: “Da lacht das Gas.”

Uff, das ist ja wohl ein Paukenschlag: Der gute Arning wird Sprecher und Grundsatzreferent von Oberbürgermeisterin Petra Roth. Und ohne vorher zu fragen, ob er das darf.

Am 25. November 1970 schnitt sich Mishima den Bauch auf.

Dienstag, 23. November 2010 – Neunuhrachtunddreißig, fünfkommaacht. Unruhige Nacht.

Von Tobias Gohlis um ein paar meiner Maximen gebeten, schlage ich diese beiden vor:
1. Never explain, never complain.
2. Man muss nicht nackt über die Straße laufen, man muss dem König widersprechen!

Subjektivismus – wahrscheinlich einer der idiotischsten Vorwürfe, die man der Kunst machen konnte. Rembrandt hat das Meiste über die Welt erfahren, indem er sich unentwegt selbst porträtierte.

Das RTL-Schwein. Es legt Blumen nieder, wo ein Kind ermordet wurde. Es wird aggressiv, wenn es Schostakowitsch hört. Es plädiert für die Todesstrafe. Wenn es versucht zu sprechen, grunzt es. Es grunzt: “Gaaanz langsam zu Tode quälen, den Kinderschänder”. Es hat blondierte Haare, Tattoos und einen gepiercten Nasenflügel. Es höhnt über Kopftücher. Es findet, dass die deutsche Leitkultur gewahrt werden muss. Es entsichert seine Browning, wenn es das Wort Kultur hört. Wenn es liest, liest es Bild. Das RTL-Schwein ist überall. Das RTL-Schwein weiß, wo es am billigsten ist. Das RTL-Schwein ist doch nicht blöd. Das RTL-Schwein findet, dass die Juden zu viel Macht haben. Das RTL-Schwein hat die Macht.

Der Spiegel druckt in seiner aktuellen Ausgabe Auszüge aus “Der kommende Aufstand” ab. Sofort erlahmt mein Interesse. Und ich stelle mir vor, wie sie die Köpfe wiegend in der Redaktionskonferenz gesessen haben … Na ja, erst einmal wird sowieso der zweite Band der Reimann-Tagebücher gelesen.

Zwölfuhrzweiundzwanzig: Gerade kommt von Stefan eine Mail mit dem Link auf einen Artikel in der heutigen taz, wo nahegelegt wird, dass es sich bei dem “Aufstand” um ein rechtes Manifest in der Nachfolge von Carl Schmitt und Martin Heidegger handelt. Auch möglich. Damit wäre immerhin erklärt, warum die deutschen Feuilletons so ins Ventilieren geraten sind.

Am 23. November 1944 wurde die Rüstungsarbeiterin Erna Wazinski in Braunschweig als “Volksschädling” hingerichtet. Adam Seide hat einen Roman über den Fall geschrieben.

Montag, 22. November 2010 – Fünfzehnuhrfünfunddreißig, vierkomma- sieben. Nasser Dunst.

Auf der Rückfahrt kurzer Stopp an der Eder bei Grifte. Genau hier bin ich vor über dreißig Jahren an einem sonnigen Vormittag mit Axel in sein Kanu gestiegen. Wir hatten während der Abiturarbeiten die Schule geschwänzt und kamen uns nun, über den schmalen Flußlauf paddelnd, vor wie Huckleberry Finn und Tom Sawyer auf dem Mississippi. Für eine Ameise ist eben der Strand die Wüste.
Jetzt ein kalter, grauer, schmutziger Morgen. Blick über das neblige Tal. Die großen, stählernen Maste der Überlandleitungen überragen alles. Wie riesige Harpunen, die im Rücken eines Buckelwals stecken. Unten im Feld lagern Schwäne. Wie zauberhaft diese Landschaft ist. Und wie versehrt. Kommt mir vor, als sei ich langsam reif für Stifters “Nachsommer”.

Gestern Nachmittag sind im niedersächsischen Bodenfelde an einem Bachlauf nur wenige Meter von einander entfernt die Leichen eines dreizehnjährigen Jungen und eines vierzehnjährigen Mädchens gefunden worden. Rasch wird bekannt, dass es sich um ein Gewaltverbrechen handelt. Beide Opfer seien, wie es heißt, grausam zugerichtet gewesen. Heute Mittag Livestream der Pressekonferenz. Hinter den beiden Vertretern von Polizei und Staatsanwaltschaft sitzt ein Wachtmeister und nestelt Minuten lang hochkonzentriert an seiner Krawattennadel.

Todestag von Jack London.

Sonntag, 21. November 2010 – Siebenuhrdreißig, vierkommaeins. Dämmert. Wach seit fünf. C. im Flugzeug nach Berlin.

Fast eineinhalb Jahre haben wir darauf hingearbeitet, haben die Musikstücke ausgewählt, die passenden Texte gesucht, haben gefummelt, umgestoßen und wieder neu gebaut. Dann geprobt, geprobt, geprobt. Alles läuft auf diesen einen Abend zu.
Da steht man dann rum, ein paar Freunde sind da, ein paar fremde Gesichter, neunzig, hundert Leute, lächelnd, skeptisch, wohlgesonnen, man redet noch ein bisschen, tut so, als gäbe es noch was zu klären, kriegt aber eigentlich nichts mehr mit, alles neblig – Gemurmel, die Lampen, Gläserklirren, jemand lacht zu laut – ah, das war man wohl selbst.
Dann Stille. Die Instrumente werden gestimmt. Das Mikrofon eingeschaltet. Letztes Raunen, letztes Hüsteln. Wir im Licht. Das Publikum im Halbdunkel: der Feind, die schwarze Bestie.
Man ist konzentriert, hellwach und schwebt eine Handbreit über dem Boden, wie im Rausch – besoffen vor Anspannung. Geht los.
Es kommt über einen wie eine Welle. Man versucht, die Bestie an den Haken zu kriegen, versucht, den Leuten ein Leuchten in die Augen zu zaubern, ihnen ein paar Tränen abzuringen. Zwei Stunden lang spuckt man Feuer und hofft, dass der Funke überspringt. Am Ende: Applaus, Zugabe, Applaus. Dann ist man Asche.
Dann wieder lächeln, bisschen reden, Schulterklopfen, anstoßen. Man deutet die Blicke, den Tonfall, schaut so aus dem Augenwinkel, wirft sich ein bisschen in die Brust, duckt sich ein bisschen weg. -  Schön, dass ihr da wart. – Schön war’s. – War’s das? – Man weiß ja, wo es gutging und wo man gepatzt hat. Man ist aufs Ganze gegangen, und plötzlich ist es gar nicht so wichtig, ob man’s erreicht hat. Aber wollen muss man es schon, jedes Mal, das Ganze, oder? Am besten nicht drüber reden, irgendwas anderes jetzt!
Warum tut man das alles? Warum wird man es immer wieder tun?
Vielleicht deshalb.

Und vielleicht, weil Charlotte sonst nie diesen schönen Satz gelächelt hätte: “Ich glaube, ich bin ganz schön abgeklärt.”

Tot sind Henry Purcell, Angelo Soliman, Johannes Bückler (der Schinderhannes), Heinrich von Kleist und Henriette Vogel.

Freitag, 19. November 2010 – Elfuhrnullnull, achtkommadrei. Trüb.

Ist es der graue Himmel, der nahende Winter? Oder woran liegt es, dass mir im Moment alles so verstellt, so falsch vorkommt: die Gesichter, die Schlagzeilen, der Ton der Journalisten, der Politiker, das Fernsehen sowieso, die zur Schau gestellten Gefühle, die Bilder, die Worte, die Mimik, die Gesten, die Fragen, die Antworten, das Land, unser Leben? Alles falsch. Es gibt so unendlich viele Leute, ach was, es sind die allerallermeisten, die gar nichts wollen. Nichts, außer ein noch größeres Auto, einen noch längeren Urlaub, noch mehr Geld, noch schönere Badezimmerfliesen, noch bessere Noten für die Kinder. Also: nichts!
Überhaupt erträglich ist es nur, wenn man selbst für das Andere sorgt. Für die kleinen Glücksschübe: Die Auftritte mit Atilla und heute der Eintrag darüber in seinem Tagebuch. Als Jürgen und ich am Mittwoch wie Statler und Waldorf auf der Couch saßen und die Aufnahmen der alten Argerich-Konzerte schauten. Gestern das Frühstück mit Rolf-Bernhard und die kurze Arbeit am Drehbuch. Als Jörg am Nachmittag überraschend vor der Tür stand und von der Käseverkäuferin auf dem Markt in Ljubljana erzählte. Abends die Proben für das Liebesprogramm und schon vorher die sorgenden, wohlgesinnten Gesichter von Konrad, Judy, Robert. Das Aufwachen neben C. heute Morgen und dann die kranke Paula, die nach so langer Zeit einmal wieder zu uns ins Bett kroch. Die Vorfreude auf die Uraufführung heute Abend …

“Na, so wenig ist das doch gar nicht.” – Ja, stimmt. – “Also: hab dich Mal nicht so!” – Ich wollte es ja auch nur Mal gesagt haben. Soll ja niemand kommentieren. – “Ach so!”

Oh Gott, und heute ist auch noch Franz Schubert tot.

Mittwoch, 17. November 2010 – Achtuhrachtundzwanzig, vierkommaacht. Suppenhimmel.

Wie gut wir leben. Gestern Mittag mit dem kleinen Schwarzen in die Münchner Straße – neben dem Oeder Weg eine der buntesten, schönsten Straßen Frankfurts. Christian fährt mit seinem alten Peugeot-Rad vor. Ins “Merkez”, bestes Bulgur der Stadt. Dann geht C. in die “Goldene Schere”, um sich rasieren zu lassen, ich auf die Kaiserstraße ins “Yuan Fa” für den asiatischen Großeinkauf.

Als ich nach Hause komme, liegt “Der kommende Aufstand” im Briefkasten. Mache mich sofort drüber her. Sehr fremd, sehr radikal. Auf Seite 21 der Satz: “Es wurde Zeit, dass das Fick die Polizei! das Ja, Herr Wachtmeister! ablöst.” Neugierig wie auf kaum eine andere Lektüre der letzten Jahre.

Die Schülerin K., fünfzehn Jahre alt, ist ein glückliches Mädchen – sportlich, musikalisch und hinein geboren in eine kultivierte, wohlhabende Familie. Ihr fehlt es, wie man sagt, an nichts. Die Welt steht ihr, wie man sagt, offen. Nun seien ihre schulischen Leistungen, sagen die Lehrer, unterdessen so gut, dass man dringend rate, sie auf ein Elite-Internat zu schicken. Aber wem wäre damit gedient, dass man sie trennt von ihren Freundinnen, ihren Mitschülern, ihren Vereinen, ihren Eltern und Schwestern? Ihr? Der Welt? Was, wenn K. darüber krank und unglücklich würde?
Und welchen Wahnsinn haben Pädagogen internalisiert, dass sie eine solche Empfehlung aussprechen?

Auch so ein Satz: “Wegen der toten Juden streue ich mir keine Asche mehr aufs Haupt”. Und, dein Großvater, auch beim SD gewesen?

Eigentlich ein unglaublich guter Titel: “Erkundungen für die Präzisierung des Gefühls für einen Aufstand”.

Was ist los? Die Besucherzahlen der Geisterbahn steigen fast täglich. Ich werde doch nicht etwa: Mainstream?

Rodin ist tot.

Dienstag, 16. November 2010 – Neunuhreinundfünfzig, sechskommavier. Grau, aber trocken.

Da muss ich erst aus Atillas Tagebuch erfahren, wie sehr er gerade an der Stadt leidet. Und trotzdem ist es tröstlich. Bin ich also nicht alleine. Und wenn wir beide dermaßen angewidert sind von dieser Rollkoffer-Fraktion, diesem Abschnittsleiter-Milieu, dieser ganzen “FRM as a business location”-Scheiße, wird es ja vielleicht noch ein paar Leute mehr geben, denen es genau so geht. Und wenn die auch anfangen, es laut zu sagen …

Allerdings: Politisch wird gegen diese Übermacht nicht anzukommen sein. Aber vielleicht durch eine Kultur, die sich wieder abwendet, eine hochmütige Boheme, die alle “Exzellenzteams” dem Gelächter preisgibt. Wenn der Lücker auf seiner Orgel spielt, der Herl auf seiner Bühne, der Korap auf seiner Gitarre … Und wenn wir wieder sagen würden: Ohne uns!

Allein, dass ich Jahre lang die Abkürzung FRM gelesen habe, ohne mich je dafür zu interessieren, auf was sie überhaupt verweist, muss ja etwas bedeuten.

Am 16. November 1724 wurde Jack Sheppard im Alter von 22 Jahren in London erhängt. Es heißt, er sei fröhlich gestorben.

Montag, 15. November 2010 – Sechsuhrdrei, zehnkommasechs. Warum sagt man eigentlich: stockdunkel?

Gestern dieser – scheinbar stundenlange – Alptraum: drei Männer kommen als Hilfesuchende ins Haus, dann halten sie mich gefangen, bedrängen, demütigen, bedrohen mich und beginnen schließlich, mich zu quälen. Noch schlafend weiß ich, dass ich nur entkommen kann, wenn es mir gelingt, aufzuwachen.

Aufs Mountainbike und an den Main. Was für ein Tag, blau, warm, das Licht, die Blätter, die tollenden Hunde in den Feldern, die Raben, die sich gegen den Wind stemmen, der Weiher, die Schwäne, die Sonne auf den Handrücken, die Schatten, die Rufe der Ruderer, ein Drachen … Allein!

Abends zum Konzert in die Epiphaniaskirche, wo Charlotte im Chor singt. 20 Euro. Ives, Mendelssohn-Bartholdy, Brahms, Hindemith. Gleich am Eingang treffen wir Charlottes nette Eltern samt Atilla. Wir suchen unsere Plätze, finden sie nicht gleich, ein Musiker blafft mich an: “Hier stehen Instrumente, mein Herr!” Ist ja gut. Fünf, sechs Leute nicken mir zu. Gesichter, die ich kennen sollte, aber nicht zuordnen kann. Ich lächle, sage irgendwas Unverfängliches, fühle mich wie auf Glatteis, entziehe mich … Diese unablässigen Smalltalks saugen mich aus, ich kann nicht mehr, ich könnte schreien … Nach dem wunderschönen Psalm 115 suchen wir eilig das Weite … Nicht mehr sprechen müssen, bitte …

Das Weite suchen – schöner Ausdruck. Vielleicht ein altes Forsthaus, Landhaus, Bauernhaus, Schulhaus im Vogelsberg, Westerwald, Spessart, in der Pfalz, der Rhön, im Odenwald … ein Tagesritt bis zur Straße … kein Telefon, keine Mails …

Wie leicht man für ein wenig sonderlich, wenn nicht gar für verrückt gehalten wird. Und wie rasch darüber ein augenzwinkerndes Einverständnis hergestellt ist: “Na ja, ein Künstler halt … ” Diese pausbäckige Rechtschaffenheit rundum. Oh ja, sie wissen, was normal ist. Ich offenbar nicht.

Nachdem ich zehn Minuten vor dem Tatort gesessen habe, ruft C. von der Küche herüber: “Was ist los? Du schimpfst ja gar nicht. Ist doch nicht etwa gut.”

Tot ist die schreckliche Myra Hindley.

Samstag, 13. November 2010 – Neunuhrsiebenundzwanzig, vierzehn- kommavier. Draußen macht der Sturm weiter. Gestern Abend wieder vor “Kommissarin Lund” eingeschlafen. Liegt nicht an ihr.

Der Eintrag gestern war von Hass diktiert. Er liest sich nicht einmal gut, er holpert und stolpert. Trotzdem stimmt er und bleibt so stehen. Stil ist nicht alles, Haltung auch nicht.

Wie mich die Reimann gefangen hat … Lese gerade die Tagebücher aus dem Jahr ‘62. Fast ein halbes Jahrhundert Abstand und trotzdem kommt es mir vor, als ginge mich das mehr an als das Meiste, was hier und gerade geschieht. Gedanke: Verglichen damit, leben wir in der Steinzeit …

Frage mich, ob es auch bei mir – wie ich es von Kollegen höre – etwas gibt, dass ich eigentlich gerne schreiben würde? Nein, mir fällt nichts ein als dies hier: Die Geisterbahn ist das Eigentliche.
Der Kriminalroman ist die Wagenburg.

Sich öffentlich irren. Etwas behaupten, einfach so hinhauen, dann bereuen, revidieren, neu bedenken, wieder darauf zurück kommen, neuer Vorstoß, neuer Rückzug. Schön. Demokratisch. Ja, doch, ich liebe die Demokratie. Und jetzt noch mehr, da manche bereits davon reden, sie könne bald zu Ende gehen. Wie Piwitt letzte Woche in Hamburg, wie Sloterdijk am Montag im Spiegel.

Dagegen Ernst Jünger, 1925: “Ich hasse die Demokratie wie die Pest.”

Vittorio de Sica ist tot.

Freitag, 12. November 2010 – Elfuhrsiebenundzwanzig, elfkommaacht Grad. Wind. Die Nacht vielleicht geschlafen … Zerstört nach diesem Abend.

Verkriech dich, Alter! Wer aber auch so alles an einen ranredet. Dumpfes, selbstzufriedenes Geplapper. Haltlosigkeiten allerorten. “Wie cool ist das denn?” Nach einem solchen Auswurf: Beschimpfungs-, Zertrüm- merungsgelüste. Stattdessen lächle ich. Und bekomme die gerechte Strafe: “Ich darf Sie doch duzen, oder?” Schließlich: “Ich geb dir Mal mein Kärtchen, vielleicht …”
Vielleicht bringe ich dich um, du …

Suche den Band mit Jessenin-Gedichten, als hinge mein Leben dran.

Traumgesichte. Dunkelheiten.
Weiß – ein Pferd. Ich seh wen reiten.

Ingrid Schubert ist tot. Als man sie fand, hing sie am Fensterkreuz ihrer Zelle in Stadelheim.

Dienstag, 9. November 2010 – Neunuhrzweiundvierzig, sechskommaneun. Feucht.

Wenn das Haus sehr dunkel ist, sind die Schatten weiß. Manchmal steht so ein weißer Schatten nachts im Flur und schaut durch die halb geöffnete Schlafzimmertür auf mein Bett. Manchmal sitzt er auch neben mir auf einem Stuhl.
Ein Engel? Gewiss, aber weder schützend noch bedrohlich. Sondern einfach: anwesend.

Von Jörg der Hinweis auf ein neues Produkt, das dem Trend zur anonymen Bestattung zuwider läuft: der sprechende Grabstein. Ein Chip mit Informationen über den Verstorbenen (oder mit einer zu Lebzeiten aufgenommenen Nachricht) wird in den Grabstein eingelassen. Friedhofsbesucher empfangen, wenn sie in die Nähe kommen, ein Funksignal auf ihrem Smartphone und können die Informationen abrufen.
Also wieder kein Grund, ein Mobiltelefon zu kaufen. Denn das Gewisper aus dem Totenreich ist sowieso bei keinem Gang über den Friedhof zu überhören.

Stieg Larsson ist tot.

Montag, 8. November 2010 – Fünfzehnuhrsechsundvierzig, siebenkomma- vier. Oben blau, darunter paar leuchtende Wolken. Morgen beginnen die Dreharbeiten zur “Braut im Schnee”.

Auf was ich mich wirklich ungemein freue? Darauf, morgen mit Atilla im Darmstädter Literaturhaus “Ein kleiner Abend Glück” aufführen zu dürfen.

Seltsam hilf- und ahnungsloser Text von Martin Walser über Ernst Jünger in der Süddeutschen. – Aber exkulpierend, versteht sich.

In derselben Ausgabe von Helmut Böttiger eine überfällige Polemik gegen den Fetisch des “großen Lesepublikums”, dem von der Literaturkritik derweil fast ausnahmslos gehuldigt wird. Und – nebenbei – auch gegen Tellkamps “Turm”: “Er ist wie eine etwas verschmierte, gräuliche Kopie von Thomas Mann, aber ohne Ironie. Dass es in Deutschland, vom ausgelöschten jüdischen Bildungsbürgertum einmal abgesehen, nie eine entsprechend liberale, aufgeklärte Schicht gab, holt uns jetzt als Farce hinterrücks ein.”

Dazu bei Böttiger noch ein wunderbares Proust-Zitat, nach dessen Herkunft ich jetzt wahrscheinlich tagelang suchen werde …
Aber nein, hier ist es ja schon, ich hatte die Zeilen dick unterstrichen: “Ich versicherte mich dieser Tatsache gerade durch den trügerischen Charakter der angeblich realistischen Kunst, die nicht so verlogen wäre, wenn wir nicht im Leben die Gewohnheit angenommen hätten, dem, was wir fühlen, einen Ausdruck zu geben, der sich zwar gewaltig davon entfernt, den wir aber nach kurzer Zeit für die Wirklichkeit halten”.
Auf der Suche nach der verlorenen Zeit 7, Die wiedergefundene Zeit, S. 277, alte Taschenbuchausgabe

Brigitte Reimann berichtet in ihrem Tagebuch, wie die Stasi sich an sie und ihre Kollegen heran gemacht hat. Es gruselt einen noch immer vor diesen Kreaturen. Was für ein Pack! Und mit Vorliebe, so scheint es, haben sie die Besten drangsaliert, die Freien, Mutigen, Wachen, Klugen, die nichts so sehr wollten wie eine Gesellschaft, in der “die freie Entwicklung eines jeden Bedingung ist für die freie Entwicklung aller.” Wahrscheinlich hätten die schiefen Figuren des Ministeriums sogar Rosa Luxemburg nach Bautzen verfrachtet.

Apropos Luxemburg: Am 8. November 1985 starb im Alter von sechsundachtzig Jahren der luxemburgische Rennradprofi Nicolas Frantz – Sieger der Tour de France in den Jahren 1927 und 1928 und der einzige Fahrer, der das Gelbe Trikot bei einer Tour von der ersten bis zur letzten Etappe getragen hat.

Sonntag, 7. November 2010 - Siebenuhrvier, achtkommasieben. Nieselt. Dämmert. Wolken. Wach seit vier.

Am Freitagnachmittag fährt Lothar in dem kleinen, roten Fiat vor. Kommt rein, schaut sich um, schaut raus in den Garten und sagt: Hier könnte ich nicht leben.
Wieder in die Pfalz, diesmal nach Freinsheim. Vor dem Hotel stehen bereits Kathrin und Miro; wir gehen rüber in die Zehntscheune des Von-Busch-Hofs. Soundcheck (klingt immer noch so angeberhaft breit dieses Wort). Im Turmzimmer ein Kürbissüppchen, aber ich könnte ein halbes Wildschwein …
Lesung: Miro in Hochform; das Publikum begeistert. Lothar lässt uns auf der Bühne schön ins Plaudern kommen … Signieren … Später setzt Miro sich an den Flügel und singt: Rio Reiser. Witze. Kathrin schenkt mir gottlob den Rest ihres Kalbsbratens. Sie erzählt von dem großen Porträt-Film, den sie dreht: über den verunglückten Gitarristen des Quadro Nuevo. Wir sitzen lange. Und werden zu Mitgliedern des Pfalz-Clubs ernannt.
Samstagmorgen ausgiebiges Frühstück. Über Alter, Demenz, Sterben, Tod. Miro darüber, dass er nicht zur Beerdigung seiner Mutter fliegen konnte, weil er damals einen Tatort-Dreh hatte. Und immer wieder federn wir das alles ab mit kleinen Witzen und freundlichen Anekdoten. Gut so.

Nachmittags mit Paula beim Kartoffelschälen Rio Reiser und Degenhardt gehört. Sehr wohlig. Dann Fernsehen – Sport und Wetten dass? Aber nicht zu ertragen, dieses Ausmaß an dauergrinsender Verblödung. Früh ins Bett.

Reimann, als noch sehr junge Autorin, zitiert einen Kollegen: “Ich möchte an keinem anderen Beruf zugrunde gehen”.

Und während ich hier noch an diesem Text fummele, merke ich, dass der heutige Eintrag bei faust schon online gestellt wird. Seltsames Gefühl. Wer arbeitet denn dort um diese Zeit? Jedenfalls ein Grund, freundlich hinüber zu winken!

Tot sind die fünf- bis siebentausend Passagiere des sowjetischen Hospitalschiffs Armanija, das am 7. November 1941 von einer deutschen Heinkel auf dem Schwarzen Meer bombardiert und versenkt wurde.

Freitag, 5. November 2010 – Dreizehnuhrzweiunddreißig, vierzehnkomma- acht. Der Himmel: graues Frottee. Ganzen Vormittag Bürosachen.

Vorgestern im ICE nach Hamburg. Wieder im schönsten Hotel zwischen Lappland und Apulien untergebracht, dem “Wedina” in der Gurlittstraße. Wieder die dreistöckige Suite Nummer 322. Hier mag man überall hinschauen, alles klar, funktional, schön. Vielleicht ein Ort für den nächsten Marthaler.
An der Rezeption steht Val McDermid.
Ein wenig durch St. Georg undsoweiter. Altes Terrain aus unglücklichen Tagen. Schneller Döner.
Mit dem Shuttle zur Kulturfabrik Kampnagel, wo ich das letzte Mal vor vielen Jahren war, als ich für konkret die Reportage über die vierund- zwanzigstündige Ulysses-Lesung schrieb. Jetzt schon beim Reinkommen: Wolfgang Schorlau, dem ich schnell meinen Namen ins Ohr flüstere, damit er mich wieder erkennt. Dreifach freundlicher Geleitschutz des Verlages. Und Isolde ist da. Dann Lesung, von Volker Albers moderiert. Das Publikum ein wenig müde, vielleicht aber: einfach hanseatisch. Zu viel Wein. Gegen Mitternacht Taxi, ein munterer Afghane aus Kabul bringt mich ins Hotel. “Nee, nee, ich bin kein Türke”.
Nächster Morgen, acht Uhr Weckruf. Stein auf den schweren Schädel. Als ich beim Frühstück das erste Mal die Augen von der Kaffeetasse hebe: Ursula Krechel (kurzer, befangener Smalltalk). Als ich sie das zweite Mal hebe: Elke Schmitter, die mich aber nicht mehr erkennt oder nicht mehr erkennen will. Flüstere ihr nichts ins Ohr. Wieder Val McDermid, breit, sehr “skottisch” – in Schlabberhose und Schlabbersweatshirt. Erzählt, dass sie gleich weiter fährt nach Olpe, wo sie im “Kochs” untergebracht ist. Dessen “Rotes Haus” ist dann aber auch gleich das zweitschönste Hotel zwischen … Mein Gott, was rede ich?
Piwitt taucht auf, und als wir gemeinsam auf die Straße treten, steht dort Luc Jochimsem. “Hat mich Mal interviewt”, sagt Piwitt, “erkennt mich aber nicht wieder. Oder will mich nicht mehr erkennen.” Na ja, jedenfalls: Auch ihr wird nichts ins Ohr geflüstert. Stattdessen wackeln wir zu “Balzacs Coffee” in die Lange Reihe, plaudern alle und alles durch, dann Bahnhof. Piwitt will nach Lübeck, wo ein Freund seinen Film über Jimi Hendrix auf Fehmarn zeigt.
Im Zug: “Matthias …!” Der wendet sich um und sieht: Eldad. Die Rückfahrt ist gerettet. Zumal der Grundgute auch noch seine beiden Müsli-Riegel mit mir teilt. “Christlich”, wie man sagt: Ich bekomme anderthalb, er einen halben Riegel.

Gestern Abend dann für “Courage” im Offenbacher Buchladen am Markt, kleine Runde zum Jahrestag der Bücherverbrennung, anschließend rasch und müde nach Hause.

Titel eines erotischen Romans: “In aller Unschuld. Versaut”.

Horowitz ist tot.

Mittwoch, 3. November 2010 – Achtuhrzwei, zehnkommaneun. Grau, ein wenig Wind. Die Wiese mit Blättern bedeckt. Hugo hat seinen zweiten Geburtstag.

Jüngers Tagebuchaufzeichnungen – soweit veröffentlicht – enden am 15. Dezember 1995. Noch der letzte Satz ist Pose: “Die Handschrift ist noch präsentabel – ‘ein alter Krieger zittert nicht’”.
Auch nach annähernd viertausend Seiten: Das Unbehagen, die Vorbehalte bleiben. Er war ein Wegbereiter; es gibt allzu viele Sätze, die man ihm nicht verzeihen mag. Es wäre besser gewesen, er selbst hätte sie sich nicht verziehen. Stattdessen laviert er – bis ans Ende. Ein verstellter Mann, noch mit über hundert Jahren.
Fremd bleibt er auch deshalb, weil ihm so jeder Sinn für Musik und bildende Kunst abgeht. Alle Bemerkungen hierzu bleiben der Strukturanalyse oder dem Anekdotischen verhaftet. Dass ich dennoch auf ihn zurückkommen werde, ist abzusehen. Andere haben andere Lücken.

Am Morgen mit der Lektüre von Brigitte Reimanns Tagebüchern begonnen. Erster Eindruck: Flatterhaft, plapperhaft, munter.

Todestag von Léon Bloy, auf den sich Jünger immer wieder bezieht.

Dienstag, 2. November 2010 – Fünfzehnuhrsiebenundfünfzig, elfkomma- sieben Grad. Ungemütlich.

Gestern zwei Stunden auf dem stählernen Scapin durch den Herbst. Forciert. Was für ein wunderbares Rad aber auch …

Abends in Franz Kellers “Adlerwirtschaft” in Hattenheim. Der Kellner mag uns gar nicht, reagiert zunehmend ungeduldig und ruft schließlich sogar den Maître zu Hilfe.
Margarete zitiert einen Satz Else Lasker-Schülers – “Liebe ist der holde Baum der Weihnacht”  – den ihr, wie sie sagt, niemand erklären könne. Wir sind dazu ebenfalls außerstande, kommen aber nach langem Grübeln zu dem Ergebnis, dass die Dichterin womöglich betrunken war. Und erfinden, befeuert vom roten Hermitage, ähnliche Sätze: “Tränen sind der Champagner der Sehnsucht” etc.

Das öffentlich geführte Tagebuch ist eine Lüge. Es ködert die Leser mit der Erwartung, Intimes, wenigstens Privates zu erfahren. Aber jeder niedergeschriebene Satz ist eine Verstellung. Eine Verstellung, die vielleicht auf Annäherung, gar auf die Wahrheit aus ist. Aber die Wahrheit ist nie privat. Dass ich die Geisterbahn einen Roman nenne, ist keinesfalls der Versuch, das Journal zu nobilitieren – eher im Gegenteil. Das Tagebuch als letzte Möglichkeit des Romans.

Vor den jetzt veröffentlichten Diarien von Raddatz schaudere ich doch erheblich zurück – allein aufgrund der in den Zeitungen veröffentlichten Zitate.

Figur: die nächtliche Besucherin.

Unbedingt mal anschauen: Das Deutschland-Tagebuch des Offiziers der Roten Armee Wladimir Gelfand.

Pasolini ist tot.

Montag, 1. November 2010 – Elfuhrvier, zwölfkommavier. Grau.

Ein Bild im Halbschlaf: Auf einer Wiese außerhalb der Stadt eine riesige, fensterlose Halle. Neben der Tür ein Schild: “Hier ist alles erlaubt”. Männer und Frauen streben dem Eingang zu. Was tun sie in dem Gebäude? Kopulieren sie? Bringen sie einander um? Ist die Halle ein Swinger-Club oder ein Konzentrationslager? Dass ich rechtzeitig aufwache, bewahrt mich vor einer Antwort.

Gestern ein kleiner, hübscher Ritt durch den sonnigen Herbst. Und geradezu kindlich-kindisch freuen wir uns über Jörgs sündhaft teures, aber gut verarbeitetes Rapha-Trikot mit seinen raffinierten Details. “So schnöselt man sich durchs Leben.”

Immer wieder bezeichnet Gremliza die Bild-Zeitung als “das größte Drecksblatt der Welt”. Aber die Wirkung wird durch häufige Wiederholung nicht stärker, sondern schwächer. Es scheint, als sei die Rechtmäßigkeit dieser Formulierung teuer erstritten und solle sich nun rentieren.

Ezra Pound ist tot.