Geisterbahn

Oktober 2010

Freitag, 29. Oktober 2010 – Zehnuhrzweiundfünfzig, sechskommavier. Die Sonne.

Gleich nach dem Aufwachen ein wenig in der Insel-Auswahl aus Harry Graf Kesslers Tagebüchern geschnuppert. Oh Gott, ich fürchte, es wird mich süchtig machen. Das heißt, ich werde wohl doch die Gesamtausgabe brauchen – aber neuntausend Seiten in neun Bänden, jeder Band um die sechzig Euro …

Dienstag. Komme am Abend in Niederrodenbach an und parke den Wagen in der Nähe der Kirche. Schon beim Aussteigen höre ich aus der Dunkelheit ein leises Geräusch, das mich, weil ich seine Ursache nicht kenne, sofort beunruhigt: ein Schaben, Schnauben, Kratzen, Fiepen – ganz unregelmäßig. Es scheint vom Kirchhof zu kommen.
Als ich nach zwei Stunden dieselbe Stelle passiere, habe ich das Geräusch und meine Irritation vergessen. Aber da ist es wieder. Und wieder reagiert mein Herz. Ein Igel? Ein Igelpaar?

Ur-Sache – ein schönes Wort. Schön ungenau.

Mittwoch: Unterwegs durch den herbstlichen Hunsrück. Schon fast an der Mosel, in einem Tal nahe dem Ort Naurath, das “Landhaus St. Urban”. Das preiswerteste Menü kostet über hundert Euro.
Dann Trier. Lesung im siebten Stock der “Krankenanstalt Mutterhaus der Borromäerinnen”. Im Publikum zwei Schwestern in Ordenstracht – mit Gesichtern, so breit und freundlich, dass man sich bis ans Ende seiner Tage darauf ausruhen möchte.
Anschließend in den “Handelshof” – selten ein so schäbiges Hotelzimmer bewohnt. Dabei stört mich weniger, dass es kärglich ausgestattet ist (kein Telefon, keine Minibar, am schlimmsten: keine Leselampe neben dem Bett), sondern die Gedanken- und Geschmacklosigkeit, mit der man es eingerichtet hat. Wie verkommen müssen da die Wirtsleute sein?
Was bleibt mir, als mich aufs Bett zu legen und fern zu sehen: “Hart aber fair”. Es geht um den Adel. Jutta Ditfurth, mit der ich bange, schlägt sich wacker. Aber unsereins kann bei solch einem Spiel nichts gewinnen; das hätte sie wissen müssen. Ich denke wirklich: unsereins.
Das alles keine zweihundert Meter Luftlinie von Karl Marx’ Geburtshaus entfernt.

Gestern dann Landau in der Pfalz. Vor der Lesung noch in Godramstein bei “Beat Lutz”. Froschschenkel, Kalbskotelett und ein Glas Primitivo.

Aus dem Archiv der FAZ kopiere ich mir einen Artikel aus dem Jahr 2003 über das große Nietzsche-Buch von Domenico Losudro, das kürzlich auch hier erschienen ist. In einer Anzeige für die deutsche Ausgabe ein Zitat Robert Steigerwalds: “Ihr, die ihr gegen jede Form der Barbarei ankämpfen wollt, habt mit diesem Buch eine starke, langwirkende Waffe in den Händen. Nutzt sie!” Mich würde mehr Losudros Buch über Stalin interessieren, das aber noch nicht übersetzt ist.

Tot ist Albert Dulk.

Mittwoch, 27. Oktober 2010 – Zehnuhrsechsundzwanzig, siebenkomma- acht. Der Himmel grau. Der Mann verschnupft. Gestern neuer Besucher- rekord in der Geisterbahn.

In Hamm, nach der Lesung im Keller von “Pohls Mühle”, höre ich zum ersten Mal von der Schlacht bei Pelkum im März 1920. Fast ein wenig beschämend.
Später bringt mich eine schüchterne, erschreckend dünne Hotelangestellte vom Hauptgebäude der “Alten Mark” ins Gästehaus. Wir passieren die Pankratiuskirche. “Die ist aber sicher alt”, sage ich, um etwas zu sagen. “Sehr alt”, sagt das Mädchen, “bestimmt achtzehnhundert oder neunzehnhundert.” Am nächsten Morgen erfahre ich, dass die ältesten Teile der Kirche bereits um das Jahr 1100 erbaut wurden.

Eine neue Geste, ist sie erst Mal in Mode, hat sich auch bald bis zum Überdruss verbraucht. So, wenn jemand in Schulterhöhe mit den Zeige- und Mittelfingern beider Hände synchron die “Anführungszeichen” simuliert. Sagt derjenige dann noch: “in Tüttelchen”, bin ich innerlich kurz davor …

Der bislang klügste und lässigste Kommentar zur so genannten Integrationsdebatte ist das Gespräch mit Feridun im “Spiegel” – Mit ein paar Sätzen löst er den faulen Zauber, zeigt, wie man – ohne zu beschönigen – entspannt in der Welt sein kann und blamiert nebenbei Sarrazin und dessen Adepten.

Gestern Abend erschöpft aus Rodenbach zurück. Ein Glas Jolimont auf den Tisch gestellt, auf die Couch gesunken und den Fernseher eingeschaltet. Das Wort “Absacker” war selten wörtlicher zu nehmen. Eine Dokumentation über Johnny Cash. Fast unglaublich, wie haltlos dieser Mann war. Und zugleich: wie produktiv. Aber gerade seine Haltlosigkeit weckt das Interesse. Jedenfalls bei mir, der ich gerade Jüngers vierten Band von “Siebzig verweht” ausgelesen habe. Dort ist alles Haltung. Und Haltung alles. Und das ist dann vielleicht doch zu wenig.

“Jünger ist ein verblüffend nachdenklicher Mensch und ein bemerkenswert kleiner Dichter, hab ich, glaube ich, mal geschrieben”, schreibt mir Piwitt.

Todestag von Ernst Wimmer (“Wären wir außerstande zu ertragen, was wir unerträglich nennen, hätten wir eine andere Geschichte”).

Sonntag, 24. Oktober 2010 – Fünfzehnuhrnull, zehnkommazwei. Der Himmel blau mit Cumuli in allen Abstufungen von watteweiß bis stahlgrau.

Ein schöner Sonntagmittag. Wie schon gestern, auch heute kurz auf dem Olmo unterwegs. In den Parks und auf den Spazierwegen immer wieder einzelne, in sich gekehrte Männer oder Frauen. Man sieht ihnen auf Anhieb an, dass sie Verlassene sind.

Mit Ansage: “Scharen von Obdachlosen und Armut überall: Sozialexperten fürchten eine dramatische Veränderung der britischen Gesellschaft. Grund ist die radikale Sparpolitik der Regierung. Allein in London könnten 200.000 Menschen auf der Straße landen.” (Spiegel online)

Der Eisenhut Verlag schickt das “Personenregister zu den Tagebüchern Ernst Jüngers”. Darin gleich vorne eine Überraschung: Der Herausgeber (oder sagt man Verfasser?) zitiert ausführlich aus Gudruns Artikel “Registerarie”, den sie vor acht Jahren für Die Zeit geschrieben hat.

In einem 1995 für die Süddeutsche Zeitung geführten Gespräch mit Elisabeth Endres begründet Stephan Hermlin seine Wertschätzung für Ernst Jünger damit, dass der es als deutscher Offizier im besetzten Paris abgelehnt habe, “einem bestimmtem Mann die Hand zu geben. Dieser Mann war ein Monster. Er war ein französischer Schriftsteller namens Céline …”

Drei Hauptworte für die nächsten Jahre: Partisan. Unterholz. Wagenburg.

Hermann Langbein ist seit fünfzehn Jahren tot.

Freitag, 22. Oktober 2010 – Neunuhrsiebenundzwanzig, fünfkommadrei. Aber um sechs, als ich aufgewacht bin, zum ersten Mal unter Null. Beim Blick aus dem Fenster: Das Morgenrot setzt den Himmel in Brand.

Aus Florida wird berichtet, dass ein großer Barrakuda aus dem Wasser gesprungen sei und eine Kajak-Fahrerin durch einen Biss in die Brust schwer verletzt habe.

Gestern Lesung in der Avetorstubb, einer Tagesstätte für Wohnsitzlose in einem der klassizistischen Häuser am Affentorplatz. Was für ein Wärmestrom von einem solchen Ort ausgeht …

Die Schreibweise “Avetorstubb” verweist auf die Etymologie, denn das mittelalterliche Stadttor hatte nichts mit Affen zu tun. Möglicherweise rührt der Name daher, dass Karl der Große hier auf seiner Flucht vor den Sachsen das Ave Maria angestimmt hat.

M.: “Du gönnst dir doch wirklich nicht viel.” – Aber: Was versage ich mir denn?

Auf die Liste: Alfred Kantorowitz und Richard Scheringer.

Tot ist Lino Ventura.

Donnerstag, 21. Oktober 2010 – Elfuhrzwei, siebenkommanull. Blau und weiß. Gegen fünf Uhr aufgewacht und sofort nachgerechnet, wie viele Stunden es waren. Siebeneinhalb – geht in Ordnung.

Dass man als Souverän zeitlebens andere gegen sich aufbringt, versteht sich. Dass man solche dann nicht gering schätzen darf, sollte sich ebenso verstehen. Dieses gehört zu jenem.

Eben in einer Radiokritik: “Ganz nüchtern und unpathetisch” … Dabei ist das Pathos der Nüchternheit längst zur Pose des Feuilletons erstarrt.

Nele Neuhaus winkt freundlich aus dem Vordertaunus herüber. Wie schön.

Ein Fundstück aus dem Jünger: “Eines der Merkmale, die den Menschen vom Tier unterscheiden, ist der Wunsch, einen Roman zu schreiben – ein Zeichen dafür, daß die Tiere näher am Paradies sind.”

Tot sind Kerouac und Truffaut.

Mittwoch, 20. Oktober 2010 – Sechsuhrvierzig, nullkommazwei. Dunkel. Wach seit kurz vor halbvier.

Eine Mail von Götz: “Thomas Hettche führte ein Gespräch mit dem Verleger Ernst Jüngers, Michael Klett, und berichtet darüber in der FAS. Klett erzählt davon, dass Ernst Jüngers Hemd immer dann blutig war, wenn etwas Schlimmes geschah. ‘Er trug stets eine Nadel unter dem Revers und wenn eine Schmerzwallung in ihm hochkam, hat er sich diese Nadel in den Unterarm gestochen, durch das Jackett hindurch, um sich vom psychischen Schmerz durch einen physischen abzulenken.’ Da war Ernst Jünger seiner Zeit weit voraus. Heute ist diese Art der Schmerzzufügung zu einem Volkssport geworden. Schönen Sonntag Götz”

Samstag in der Schirn. Wie keck Courbet war, wie modern, wie sehr er Cezanne, Manet, aber auch Gaugin vorbereitet hat – man kann es nur den Originalen ablesen. Vor zwanzig Jahren haben mich die Porträts am stärksten beeindruckt, jetzt sind es die Winterbilder, die Strandbilder, die Wellen … Eine kleine Sensation: das “Selbstbildnis als Pfeife”. Ein paar der Hauptwerke fehlen: das große Atelierbild, das “Begräbnis von Ornans”, der immer wieder skandalöse “Ursprung der Welt” … Dafür sind ein paar Scheußlichkeiten zu sehen.

Sonntag nach Neu-Anspach, dann Poppenhausen. Montag an den Edersee. Vöhl – dort ein 1926 erbautes Gemeinschaftshaus, das der hier geborene Fritz Henkel gestiftet hat. Die Forstverwaltung im Schloß. An die Staumauer von der Waldecker Seite, um den See herum, lange durchs Wildgehege. Abends “Forellenhof” in Nieder-Werbe. Dienstagmorgen nach Bad Wildungen. Über Haina, Gemünden, Marburg, Gießen zurück.

“Die Wahrheit über die Lüge” – Das Buch von Gonçalo Amaral, dem ehemaligen portugiesischen Chefermittler  im Fall der verschwundenen Maddie McCann, darf nun doch erscheinen. Amaral hatte die Eltern des Mädchens als Verdächtige behandelt und war kurz darauf von den Ermittlungen entbunden worden. Sein Buch war auf Antrag der McCanns aus dem Verkehr gezogen worden.

Eben, in Jüngers Tagebuch, stoße ich unter dem Datum vom 3. Juli 1987 auf eine ausführliche Notiz zu Courbet.

Franz Tumler ist tot.

Samstag, 16. Oktober 2010 – Sechsuhrzweiundfünfzig, sechskommazwei. Dunkel. Regen.

Gestern Mittag kam mit der Post Lancelot von Nasos “Waffenstillstand”, den ich mir sofort ansah. Schon nach den ersten Minuten war ich froh, dass derselbe Regisseur die “Braut” verfilmen wird. Der Look, das Tempo, die Bilder – wenn es in diese Richtung ginge …

Später der Anruf einer Frau, die im Auftrag der Produktionsfirma nach Schauplätzen sucht. Während sie mit mir spricht, steht sie vor dem alten Bahnhof von Oberrad. “Nee”, sagt sie, “da muss ich wohl was anderes finden, die wollen ein Gebäude mit der Skyline im Hintergrund.” – Aber ohne dieses Haus gäbe es den Roman nicht, der Geist dieses Ortes war wie das Samenkorn für die gesamte Geschichte. Das kann man doch nicht beliebig austauschen, solche Entscheidungen zielen doch auf die Substanz …

Abends im Atelier Frankfurt in der Hohenstaufenstraße – eine Veranstaltung der “Grünen”. “Reclaim your City” – Gott, ja. Man redet mit großer Geschmeidigkeit und, wie mir vorkommt, gezielt aneinander vorbei. Wie jedes Mal, wenn ich in Berührung mit Berufspolitikern komme, bemerke ich ein heftiges, gegenseitiges Fremdeln. Statt sich auszutauschen, wird deklamiert. So schon vor Jahren, als ich Gregor Gysi bei einer Talkshow in Dresden begegnete. Ist seitdem nicht besser geworden, egal, wer mir gegenüber stand.
Später noch ein schöner Augenblick, als ich allein mit einem Glas Rotwein in der Hand hinter dem Haus in der Dunkelheit neben diesem halbverfallenen Schuppen stehe und über die Großbaustelle auf das Messegelände schaue.

Die Inkompetenz in den städtischen Verwaltungen ist immens. Was von den Fachleuten oft beklagt wird. Andererseits darf man nichts den Experten allein überlassen; ihr Blick ist fast immer zu eng.

Immer mal wieder muss ich an Uwe Lischpers Mahnung denken: “Du schreibst dich in der Geisterbahn noch um Kopf und Kragen.”

Heute vor vierundsechzig Jahren wurden in Nürnberg zehn der Hauptkriegsverbrecher gehängt. Ihre Leichname wurden im Krematorium des Münchner Ostfriedhofs verbrannt, die Asche in den Conwentzbach gestreut, einen Seitenarm der Isar.

Freitag, 15. Oktober 2010 – Neunuhrzehn, elfkommadrei. Grau. Nachts unterwegs in Frankreich.

Was ich gar nicht mag: Unangemeldete Besuche. Das Läuten des Telefons. Kumpanei.

Im Erdgeschoß des Eckhauses, das Jahrzehnte lang einen Sex-Shop beherbergte, hat sich jetzt die Verkaufsstelle einer Bäckerei etabliert. Plakate an den Schaufenstern verkünden das Sonderangebot dieser Tage: “Schneckenparade”. Der Genius loci wirkt weiter.

Ch: “Wenn du einmal Walfleisch gekostet hast, wirst du sofort vergessen, jemals etwas gegen die Jagd dieser Tiere gesagt zu haben.”
“Pst, pst” nennen die Kellner in der kleinen Sushi-Bar die verbotene Speise, die sie selbstverständlich niemals servieren würden, jedenfalls nicht offiziell. Pst, pst. Die Mundwinkel werden zum Grinsen hochgezogen, die Zähne gebleckt, die Augen beginnen zu leuchten, die Oberkörper schaukeln. Als sei es das diebische Vergnügen angesichts einer neckischen Obszönität.

“Kinderschänder” – das Wort ist in den Sprachgebrauch eingegangen als handele es sich um eine Berufsbezeichnung. In Belgien ist jetzt der Rechtsanwalt Victor H. zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden, weil er im Besitz tausender kinderpornografischer Bilder war. Victor H. galt als Symbolfigur im Kampf gegen Kindesmissbrauch. Er hatte vor Gericht die Eltern zweier Opfer von Marc Dutroux vertreten. Als die Vorwürfe gegen den Anwalt im vorigen Jahr bekannt geworden waren, hatte sein Sohn ihn mit einem Messer angegriffen und dabei schwer verletzt.

Der Wunsch ist noch flüchtig, meldet sich aber deutlicher: aus der Geisterbahn ein Buch zu machen. Dabei weiß ich gar nicht, ob es im Verlag jemanden gibt, der mein Jahrmarktsgefährt auch nur gelegentlich besteigt.

Tot ist P. C. Ettighofer, dessen “Gespenster am Toten Mann” ich mir jetzt endlich bestellen werde. Er hat seit Kriegsende in Niederkastenholz gelebt, einem Stadtteil von Euskirchen, wo eine Straße nach ihm benannt ist.

Donnerstag, 14. Oktober 2010 – Zehnuhrsechsundfünfzig, vierkomma- zwei. Ein Schleier über dem Himmel. Oder: unter dem Himmel?

Oft stelle ich mir die Erde als ein Lebewesen vor. Nicht als Gaia, sondern eher als ein großes, ruhendes Tier. Wenn ich den Spaten in die Erde steche, wundere ich mich, dass das Tier nicht wenigstens zuckt. Warum schreit die Rose nicht, wenn ich sie abschneide?

Immer mehr Polizisten in Hessen klagen darüber, sie würden “gemobbt”. Neben den offiziellen Akten scheint es geheime Aufzeichnungen zu geben, die an Vorgesetzte und Ärzte weitergereicht werden, ohne dass die Betroffenen den Inhalt kennen. Sie werden oft Jahre lang mit Disziplinarmaßnahmen schikaniert und erfahren nicht, was man ihnen vorwirft.
“Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.”

Gesine Lötzsch, Bundesvorsitzende der “Linken”, sieht die Ursache für die schlechten Umfragewerte ihrer Partei bei den Medien: “Es sollte darüber nachgedacht werden, Parteien entsprechend ihrer Wählerbasis in den Medien gewichtet darzustellen.”
Es sollte darüber nachgedacht werden, dieser Dame Mal den Puls zu fühlen.

Niemand tot?

Mittwoch, 13. Oktober 2010Vieruhrvierundfünfzig, dreikommadrei. Unruhige Nacht. Stürmisch. Regnet es? Oder knackt nur das Aluminium der Fensterbank in der Kälte? Wach seit kurz nach zwei.

Gestern Vormittag Besuch von Sylvia Schwab. Was für ein Unterschied, ob man “interviewt” wird, oder ob es zum Gespräch kommt. Das eine strengt an und geht daneben. Das andere macht Freude, trifft und gibt Anschub.

Wie oft in den letzten Jahren hat man eigentlich Meldungen wie jene gestern auf Spiegel online lesen müssen: “Superreiche werden wieder reicher”? Aber weit und breit keine Ernst zu nehmende Linke in Sicht.

Weiter im Jünger. Tausende Seiten seiner Tagebücher habe ich derweil gelesen. Zwischen all den gespreizten, gezierten, schwer erträglichen Passagen immer wieder Schätze. Aber es bleibt ein stetes Unbehagen bei der Lektüre. Kaum ein Satz, mit dem Jünger nicht auch an seinem Selbstbild arbeiten würde. Gewichte werden verschoben, Spuren verwischt, neue gelegt. Bei aller selbsterklärter Noblesse – oft schimmert eine Bereitschaft zur Denunziation durch die Zeilen. So gelassen er wirken wollte und auf viele auch gewirkt hat, der Mann war: geladen!

Gegengift: der wütende Schuft Céline. Oder besser noch: Heinrich Heine.

Warum erfreut sich der hochmütige Gestus der “Désinvolture” so großer Beliebtheit unter den deutschen Feuilletonisten? Vielleicht, weil sie selbst auf einen Wink ihrer Verleger und Chefredakteure hin “spuren” müssen.

Man fragt sich, ob Leute wie Sarrazin, Seehofer oder Roland Koch wirklich nicht eine einzige durchschnittliche türkische Familie in ihrem Freundeskreis haben. Wohl kaum! Andernfalls müssten sie merken, welche Fassungslosigkeit sie mit ihren Äusserungen dort auslösen. Mehr noch: Ihre kalkulierten Dummheiten würden sich von selbst verbieten. Was für ein schwarzes Gähnen …

Von der Familie M. heißt es heute in der Zeitung, dass sie zu den hundert reichsten des Landes gehöre. Kommentar Ch: “Nur des Landes? Ich dachte: der Welt!

Gestern Abend die erste Folge von Mad Men. Ich hatte wohl zu viel erwartet, jedenfalls etwas deutlich Ungewöhnlicheres. So ging es mir schon vor Wochen mit The Wire.

“Was aber ist die Liebe?” – zwei gute Nachrichten. Erstens: Unsere Premiere am 19. November in der Buchhandlung Schutt war sofort nach der ersten Ankündigung ausverkauft. Zweitens: Am 18. Dezember treten wir in der Frankfurter “Romanfabrik” auf. Karten unter: 069/49084829

István Eörsi ist tot, den, sobald er im Verlag auftauchte, N. immer nur “kleines, dickes István” nannte.

Montag, 11. Oktober 2010Siebenuhrvierundfünfzig, fünfkommadrei. Klar, blau. Der Himmel gestreift.

Ein betrunkener, struppiger Mann kommt mir auf seinem Fahrrad entgegen: “Die Deutschen sind genauso Scheiße wie die Kanaken”, ruft er. Was soll man nun davon halten?

Am Freitag in Limburg. Stelle den Wagen in ein Parkhaus. Suche den Europaplatz, den ich daheim auf Maps nicht gefunden hatte – aber auch hier scheint den Namen niemand zu kennen. Schließlich teilt mir eine ängstliche Dame mit, dass wir uns genau auf diesem Platz befinden. Während sie davon eilt, schaut sie sich noch mehrmals verstohlen nach mir um, als könne ich Böses im Schilde führen und heimlich versuchen, ihr zu folgen.
Der Lesedom, ein großes Zelt, alles freundlich, gut gefüllt und nett. (Nett? – “Nett ist auch mein Hamster!”)
Anschließend eine ältere Frau mit grauem verzauseltem Haar, die sich ausgedruckte Lexikonartikel signieren lässt, wofür sie sich entschuldigt: Um sich ein Buch zu kaufen, fehle ihr das Geld. Ich erstehe ein Exemplar und gebe es ihr. Sie – die erzählt, dass sie Antiquarin gewesen sei – ist so überrascht, dass sie drei Mal zurück kommt und sich immer wieder etwas anderes hineinschreiben lässt. Sie besteht darauf, dass man erkennen müsse, dass es sich um ein Geschenk von mir handelt: “Sonst glauben die mir das nie”. Wer auch immer “die” sind.
Später, auf dem Rückweg vom Restaurant, komme ich an einer Tafel der Vogelschutzwarte vorbei und lese den Text über die im Raum Limburg wohl häufig vorkommenden Saatkrähen. Daneben ein kirchlicher Schaukasten mit einem Zitat des Bernard de Clairvaux. Sinngemäß: “Lasst uns mindern, was uns trennt / Lasst uns mehren, was uns eint / Lasst uns bewahren, was uns unterscheidet”. Erstaunlich – für einen Prediger der Kreuzzüge.
Auffällig, wie erbost man hier allseits über den Bischof ist, der als Nachfolger von Kamphaus seit knapp drei Jahren das Bistum in Besitz hat. Eine seiner ersten Amtshandlungen, mit denen er Furore machte: Er relegierte einen Dekan, der ein homosexuelles Paar getraut hatte. Wenn eine solche Demonstration der Macht kein Ausweis charakterlicher Verkommenheit ist, was dann? Jetzt, heißt es, setze er sich “dort oben” auch noch “einen Palast” mit eigener Kapelle hin.
Auf der Suche nach meinem Wagen irre ich durch die nächtliche Stadt, bin zuerst im falschen Parkhaus, schließlich im richtigen, dort aber im falschen Stockwerk.

Im Autoradio auf HR2 Kultur die letzten Minuten der “Langen Nacht der Bücher” und noch ein paar Takte einer Musik, die mich sofort aufhorchen lässt. Es spielen “Mi loco Tango”. Wahrscheinlich irgendwas von Piazzolla.

Der Rest summarisch:
Samstagmittag Aufnahmen für einen kleinen Clip, den man sich auf “faust” ansehen können soll. Ich fühle mich unwohl, bin unkonzentriert, verkrampft. Anhaltende Skepsis.
Kurzer Schlenker mit dem Rennrad durch die Sonne – endlich. Dann an den Schreibtisch und die Lesefassung für den Abend einkürzen.
Nach Bensheim. Und zurück.
Sonntagmorgen um acht mit Bernd und Gerhard nach Euskirchen – wo Matthias und Fried bereits warten -, um für den Liebesabend zu proben. Wird! Macht Spass! Müde, erschöpft, früh ins Bett.

Heute vor zwei Jahren verunglückte Jörg Haider in seinem VW-Phäton tödlich. Wie kann man aber auch einem Automobil den Namen von Helios’ Sohn geben, der doch selbst im Sonnenwagen des Vaters in den Tod stürzte?

Freitag, 8. Oktober 2010Sechzehnuhrsechs, neunzehnkommaneun Grad. Der Himmel? Aber auch so was von blendendblau! Doch ich, statt aufs Rad zu können, muss auf die Autobahn. Lesen, lesen, lesen. Wie lang denn noch? Wie oft denn noch?

Auch ein schöner Beruf: “Der Protestforscher Dieter Rucht …”

Es gibt Menschen, die buchstäblich ALLES kultivieren. Man merkt es, wenn man bei Ihnen eingeladen ist. Man sollte sich hüten, auch nur einen ihrer häuslichen Gegenstände zu loben, da es noch zum kleinsten eine Geschichte gibt, die man sich andernfalls samt aller Anhänge zuzieht. Dieses beinerne Löffelchen dort stammt aus einer Sammlung des ehemaligen Kolonialverwalters, der wiederum mit dem Großvater der Ehefrau … Jenes tönerne Schälchen, das Geschenk eines Ureinwohners von Borneo, was insofern bemerkenswert …
Die Logorrhoe gehört fast immer dazu.

Sollte man nicht doch mal Jean Giono lesen? Aber was – aus diesem umfangreichen Werk? Die Titel klingen leicht schmockig. Und was Vollmann über den Autor zu sagen hat, ist Schwärmerei aus zweiter Hand.

Anruf der Filmproduktion. “Die Braut im Schnee” scheint auf dem richtigen Weg zu sein. Endlich.

Für sich genommen ein hoffnungsvoll stimmender Buchtitel: “Deutschland schafft sich ab”.

Heute vor fünf Jahren starben bei einem Erdbeben in Kaschmir achtzig- tausend Menschen.

Montag, 4. Oktober 2010Elfuhrneunundfünfzig, sechzehnkommafünf. Sonnig. Paar Schlieren.

Tatsächlich war es ein gesuchter siebenundzwanzigjähriger Gewalttäter aus den Niederlanden, mit dem sich die Frankfurter Polizei gestern am frühen Morgen eine Verfolgungsjagd quer durch die Stadt geliefert, der schließlich den Hubschraubereinsatz ausgelöst und mich dadurch geweckt hat. Schurke, der!

Der Herbst hat die Gärten schon geflämmt. An den Straßenrändern parken Autos. Die Besitzer sammeln Birnen und Äpfel. In Petterweil spektakeln die Gänse auf der Wiese hinter dem Schloss. Und die Schafe antworten ihnen. “Wir sind auch da!”.

Faust – das Kulturmagazin ist online!

Weiter im dritten Band von “Siebzig verweht”.

Todestag dreier Sängerinnen: Susy Leiva, Janis Joplin und Mercedes Sosa.

Sonntag, 3. Oktober 2010Neunuhrneunundvierzig, schon siebzehn- kommaneun Grad – allerdings hat der Fühler des Thermometers bis eben in der Sonne gelegen. Doch, doch, wird schön heute.

Gegen halbsechs aufgewacht durch den Lärm eines Helikopters, der irgendwo in der Nähe des Hauses in der Luft steht – ein Geräusch, das immer bedrohlich wirkt. Ist auf der nahen Autobahn ein Unfall passiert? Wird ein vermisstes Kind in den Gärten gesucht? Ist ein Häftling aus dem Preungesheimer Gefängnis entsprungen?
Erinnerung an die Großdemonstrationen, als die Polizei die Stimmung anheizte, indem sie mit ihren Hubschraubern immer wieder dicht über die Menge flog.

Gestern Nachmittag ein letztes Mal bei Branko. Man merkt ihm an, dass etwas zu Ende geht. Er nötigt mich zu trinken. “Muss ja alles noch weg!” Einmal im Monat, erzählt er, wolle er jetzt noch kochen, da solle ich dabei sein: in Bad Homburg, im Keller von Gottfried Mücke, dem Honorargeneralkonsul der Malediven. Als ich erfahre, dass der Mann Chef der Bauplanung auf dem Flughafen gewesen ist, werde ich hellhörig.
Was ich nicht wußte: Brankos Eltern – aus dem slowenischen Teil der Steiermark stammend wie er selbst – wurden während des Krieges als Zwangsarbeiter nach Deutschland verschleppt.

Abends Clouzots Picasso-Film.

Todestag von Woody Guthrie. Seltsam, dass ich mir gerade gestern noch Daliah Lavis Version der Ballade von Sacco und Vanzetti angehört habe.

Samstag, 2. Oktober 2010Siebenuhrfünfundfünfzig, elfkommazwei. Alles grau, Regen.

Gestern Abend in Rödelheim. Sehr nett, sehr munter. “Grüße von Mirko”, werden mir ausgerichtet, womit freilich Branko gemeint ist. Er wünscht sich ein signiertes Exemplar der “Akte Rosenherz”, das er heute Nachmittag bekommen wird.
Dann kommt eine Dame auf mich zu, die erzählt, dass sie mit der Matura befreundet gewesen sei, sogar in den späten fünfziger Jahren engeren Umgang mit ihr gehabt habe als in den Sechzigern.
Gespannt auf den 2006er Monastere de Saint Mont.

Das Literaturhaus München hatte eingeladen zu einer Diskussion. Auf dem Podium saßen der Chefredakteur des Handelsblattes, Gabor Steingart, der Münchner Soziologie-Professor Armin Nassehi und Thilo Sarrazin. Die Nachfrage war so groß, dass man in die größere Reithalle umziehen musste. Erschienen war, wie Peter Fahrenholz gestern in der SZ schrieb, “das gediegene Münchner Bürgertum”. Der Abend sei zum Eklat geraten, und es sei vielleicht von Anfang an eine Illusion gewesen, dass “eine Diskussion in der Sache mit Thilo Sarrazin möglich ist”.
Aha, dachte ich, hat sich also das Münchner Bürgertum auf seine Resttugenden besonnen und im Namen von Vernunft und Toleranz dem Brandstifter Einhalt geboten.
Das Gegenteil war der Fall: Sarrazins Mitdiskutanten wurden beim geringsten Einwand vom Publikum niedergebuht. “In der Münchner Reithalle herrschte ein Hauch von Sportpalast. Gut gekleidete Grauköpfe ereiferten sich nicht nur, sie geiferten.”
Scheint so, als würde das gediegene Bürgertum den Schulterschluss mit dem rassistischen Pöbel suchen. Scheint so, als würde sich demnächst einiges klären.

Etwas Wahres sei schon dran, an den Thesen von Thilo Sarrazin – das hört man jetzt oft auch von Leuten, denen man ansonsten nichts ansieht. Es war wohl Brecht, der ihnen Antwort gegeben hat: “Immer mischt mit Wahrheit der Lügner die schmutzige Rede”. (Aber wo steht dieser Satz eigentlich?)

Oswald Kolle ist tot, hätte aber heute Geburtstag gehabt.

Freitag, 1. Oktober 2010Elfuhrelf, sechzehnkommanull. Gestern Abend nach der Lesung Schnitzelessen im Restaurant Bleffe mit Herrn Spamer, dem Bürgermeister von Büdingen. Gegen Mitternacht schwer ins Bett gesunken. Schwer aufgewacht.

Die Schulkinder, die sich gestern von der Polizei mit Tränengas besprühen und aus dem Stuttgarter Schlossgarten tragen ließen, werden an einem einzigen Tag so viel gelernt haben, wie sonst in einem ganzen Schuljahr.

“Sag mal … mit Ernst Jünger in der Badewanne … Du ekelst Dich wohl vor gar nichts?”

Ein guter Kerl: “Ich würde mein Team nie tadeln oder schlagen. Das ist für die Gäste nicht angenehm”, sagt der junge japanische Meisterkoch in Lutz Hachmeisters Film “Die Köche und die Sterne”.

Tot sind Petra Kelly, Gert Bastian und Frank Beyer.