Geisterbahn

Montag, 8. Februar 2010 – Dreizehnuhrachtunddreißig, minus zweikommanull. Bedeckt.

“Dein Gott und mein Gott sind das gleiche, sagte Kerbalaj. – Alle haben nur einen Gott, nur die Menschen sind verschieden. Welche sind Russen, welche Türken oder welche sind englisch – es gibt viele Menschen, aber nur einen Gott.”
“Gut. Wenn sich alle Völker vor dem einen Gott verneigen, warum seht ihr Muselmanen dann in den Christen seit Jahrhunderten euern Feind?”
“Warum bist du so böse?” sagte Kerbalaj und umfasste mit beiden Händen den Bauch. “Du bist Pope, ich Muselmane, du sagst – ich will essen, ich gebe dir … Nur der Reiche unterscheidet, welcher Gott deiner ist, welcher meiner ist. Dem Armen ist es gleich. Iß, bitte.”
Aus Anton Cechov, Ein Duell

Todestag von Max Liebermann.

Sonntag, 7. Februar 2010 – Siebenuhrneunundfünfzig, zweikommadrei. Der Himmel gefleckt mit was Blau drin. Und vor dem Haus im schrundigen Matsch reckt sich das erste frische Grün.

Vor drei Wochen das erste Mal beim Arzt gewesen und immer noch keine haltbare Diagnose. Wahrscheinlich: Abriss einer Schultersehne. Das ganze Procedere ist absurd. Die Kernspintomographie von Freitag auf Dienstag verschoben – weiter abwarten. Und dann um einen neuen Termin beim Orthopäden betteln.

Nicht zu vergessen: Die schöne Moholy-Nagy-Ausstellung in der Schirn, die ich auch wieder verpasst hätte, wenn mich Schimmel nicht verführt hätte.

Mit den beiden Boehnckes zur Vorpremiere der “Akte Rosenherz” in die Sektkellerei Bardong nach Geisenheim. Uff, über zweihundert Leute. Läuft wunderbar. Hinterher noch lange gesessen, gegessen, getrunken. Spät. Schwer. Heim.

“Wer verrückt ist, gehört zu uns”, habe seine Mutter immer gesagt, erzählt Nemec am Telefon.

Beim Aufräumen das Interview mit Sophie Rois gefunden, die einen hübschen Satz von Pollesch zitiert:  „Draußen tobt der Konsens, während ich hier drinnen versuche, Tradition und Anarchie gleichermaßen aufrechtzuerhalten.“

Aus Stefan Zweigs “Schachnovelle”: “Mit derselben selbstverständlichen Geste, mit der unsereiner in einer Buchhandlung einen angebotenen schlechten Detektivroman weglegt, ohne ihn auch nur anzublättern, trat er von unserem Tische fort und verließ den Smoking Room.”

Aus Michael Connellys “Nine Dragons”: “There were no surprises left when it came to motivation for murder.” Obwohl die Schlichtheit, mit der Connelly diesen wirklich spannenden Roman auflöst, schon überraschend ist. Und enttäuschend.

Heute vor 31 Jahren starb Josef Mengele beim Baden.

Samstag, 23. Januar 2010 - Fünfzehnuhrsechsundfünfzig, minus nullkommafünf. Fast schon wieder dunkel.

Schön, dass Salvador Dalí tot ist.

Donnerstag, 21. Januar 2010 – Sechsuhrdrei, dreikommazwei Grad. Dunkel. Mit starken Schmerzen aufgewacht.

Istanbul ist eine Stadt, “die sich täglich neu erfindet”, und der Winter “hat uns fest im Griff”. Zwei Formulierungen, die man beim ersten Hören oder Lesen womöglich pfiffig, wenn nicht immerhin chic finden mag. Werden sie aber – wie diese beiden in den vergangenen Wochen – in jeder zweiten Kultur- und Nachrichtensendung wiederholt, sollte es sich für einen Journalisten, der noch einen Rest Berufsehre im Leib hat, von selbst verbieten, sie noch ein weiteres Mal zu verwenden. Wenn es sie denn zusammen überhaupt geben sollte, den Journalisten und die Ehre …

Der freundliche Arzt mit Blick auf das Patientenblatt: “Na, da haben Sie aber einige Romane geschrieben, seit Sie das letzte Mal hier waren.”

Blutdruck okay, Lungenfunktion okay. Aber ich habe eine schwere Blockade. Nein, nein, nicht im Kopf, sondern in der Schulter … Eh sich die Konkurrenz zu früh freut …

Gestorben ist im Alter von 102 Jahren der Träger des Bundesverdienst- kreuzes am Bande Walter Jonigkeit. Seine Angehörigen rufen ihm in der Süddeutschen Zeitung nach, was sie von ihm hielten: “… er war ein Falter, recht sorglos für sein Alter / Er schaute nicht nach hinten / Oft nippte er mal hier, mal dort, nun war er satt und nun flog er fort …”

Immer noch ein wohliges Gefühl beim Gedanken an den “Kleinen Abend Glück” letzten Freitag in Herborn. Volles Haus. Gute Stimmung. Viele CDs verkauft. Danke, Guntram! Wir waren aber auch gut, gell Ati?!

Am 21. Januar 1963 starb in Stuttgart der unglaubliche Franz Jung. Was für ein Mann, was für ein Leben …

Mittwoch, 13. Januar 2010 – Neunuhrzwei, minus dreikommasieben. Immer noch alles weiß.

Am Montag vor einer Woche in Florenz gelandet. Dass ich vom Autoverleiher statt eines Fiat einen Citroen erhalte, nehme ich als gutes Zeichen. Im Schneesturm nach Siena. Hotel Il Chiostro del Carmine, ein Kloster aus dem 14. Jahrhundert. Es regnet jeden Tag. Liege auf dem Bett. Lese Effi Briest. Schaue Fernsehen. Schlafe viel. Die Voltaren von M. sind meine Rettung. Samstag im Regen zurück. Bekomme einen der beiden Flüge, die nicht gestrichen wurden.

In Belgien ist der Lehrer Ronald Janssen aus Loksbergen (Provinz Limburg) festgenommen worden. Er steht im Verdacht, ein Serienmörder zu sein.

Lektüre: Connellys “Scarecrow” und Nürnbergers “Fontanes Welt”.

Todestag von James Joyce.