Geisterbahn

Freitag, 30. Juni 2017 - Elfuhrfünfzehn, zweiundzwanzig Grad in Marseillan. Blau, paar Wölkchen.

Heute, am Tag der Entscheidung des Bundestages, künftig auch für Homosexuelle die Eheschließung zuzulassen, schickt mir adidas eine Mail. Betreff: „Altenburg, feier mit adidas LGBT Pride“. In der Mail selbst findet sich dann dieser Text: „Zu Ehren der LGBT Community setzt der UltraBOOST diesen Monat ein Zeichen – subtil und doch aussagekräftig. Die Limited Edition feiert Diversity mit einem verspielten Muster in Regenbogenfarben an der Fersenkappe. (…)Auch der Crazy Explosive Low Primeknit kommt mit einem echten Eyecatcher-Design, das von der berühmten Regenbogenflagge inspiriert ist. Ob auf dem Platz oder in der Freizeit, der Basketballschuh steht für Gleichberechtigung und Diversity.“
Kann denen mal jemand den Puls fühlen?

Am 30. Juni 1920 nahm sich die Schriftstellerin Lena Christ mit einer Dosis Zyankali das Leben. Ihre „Erinnerungen einer Überflüssigen“ sollte ich vielleicht doch einmal lesen. Auf ihrer Grabtafel steht als Todestag der 31. Juni. Das freilich kann nicht sein.

Freitag, 27. Mai 2017 - Zwanziguhrdreizehn, noch dreiundzwanzig Grad in Marseillan. Himmel wolkenlos. Nichts über die Bisamratten, nichts über die Mauersegler, nichts über den Wiedehopf und die Tamarisken. Und nichts über die ewige Katzenscheiße im Hofeingang.

Heute nur dieses Zitat aus Sybille Bergs Kolumne, das als Quote of the Year durchgeht: „Wir sitzen doch alle im selben Mist. Wir leben und haben keine Ahnung, wie man aus dieser Nummer mit Würde rauskommt.“

Todestag des Nazi-Vaters Otto Meissner, dessen Nazi-Sohn Hans-Otto Meissner noch 1986 auf Vorschlag von Franz Josef Strauß das große Bundesverdienstkreuz verliehen bekam und der schon 1950 ein Buch veröffentlicht hatte mit dem in diesen Jahren sinnigen Titel „Man benimmt sich wieder“, eine Art Knigge für Nazis, die es jetzt nicht mehr gewesen sein wollten. Dort finden sich Sätze wie: „Aufruhr vergeht, Anstand besteht“ oder „Man sagt keinem Bekannten in Gegenwart Dritter, wie gut ihm früher die braune Uniform gestanden habe.“ Das wird nicht nur dem Strauss gefallen haben.
Dass auch Helma Sanders-Brahms seit drei Jahren tot ist, hatte ich gewusst, aber wieder vergessen.